Gesellschaft

Blickfang und Aufreger zugleich

Plakative Botschaften, die zu Beschwerden führten. Innsbrucker Handelshaus mit Fastnackter ....
© Frischmann

Nicht jede Werbung erfreut das Auge des Betrachters. Strittige Fälle landen beim Werberat. Dieser kann zum Stopp einer Kampagne auffordern, wenn die betroffenen Firmen mitspielen.

Von Markus Schramek

Wien, Innsbruck –„Es gibt Menschen, die nackt in unseren Betten schlafen, und unsere Kunden haben darin zweifellos auch Sex.“ So reagiert Elmar Frischmann, Handelsunternehmer in Innsbruck, auf eine Beschwerde, die ihm ins Haus geflattert ist.

Stein des Anstoßes ist ein Werbeplakat über dem Eingang zu Frischmanns Geschäft, in dem auch Betten verkauft werden. Das Plakat zeigt eine junge Frau, quer auf einem Bett liegend, bekleidet nur mit dem BH. „Die Lust auf Natur“ steht darüber.

... sowie Herrenfriseur in Klagenfurt, der Frauen nicht im Laden haben will.
© Barber Shop Glaser

Das Sujet mag Lust machen worauf auch immer. Es löst aber auch Ärger aus. Hier werde eine Frau als „sexualisierter Blickfang“ verwendet, lautet eine Anzeige an den Werberat, das Kontrollorgan der Werbewirtschaft in Wien. Verstößt Werbung gegen Ethik und Moral, ist sie sexistisch oder diskriminierend, fordert der Werberat zum sofortigen Stopp einer Kampagne auf.

Im Fall von Frischmanns fast nackter Werbeträgerin hat der Werberat noch nicht entschieden. Würde der Firmenchef das Plakat abnehmen oder ändern? Das lässt der Innsbrucker offen. „Wir sind keine Engelchen, doch das Plakat ist absolut in Ordnung. Unser Betrieb ist klein und hat kein Geld für teure Kampagnen.“ Die Werbung sei bewusst auffällig gestaltet, „ins Eck der Prüderie“ wolle man sich nicht stellen lassen.

Post vom Werberat hat auch Johann Glaser in Klagenfurt erhalten. Er betreibt dort einen Barber Shop, einen Friseursalon für Männer: Haarschnitt, Rasieren und Gratisbier inklusive.

Frauen sind unerwünscht, außer als Friseurin. Das tut Glaser per Plakat in der Auslage deutlich kund: „Männer: Ja – Hunde: Ja – Frauen: Nein“ steht darauf zu lesen.

Prompt wurde deswegen der Werberat eingeschaltet – von einer Frau, die aus dem Geschäft hinauskomplimentiert worden war.

Der Klagenfurter Barber will sich nichts vorwerfen lassen, schon gar nicht Frauenfeindlichkeit. „Das Plakat ist im Biedermeierstil gehalten und sollte mit Humor betrachtet werden“, sagt Glaser der TT. Sein Laden sei mit 55 qm äußerst beengt. Platz für Frauen gebe es daher nicht.

Ob er nicht den Eindruck erwecke, Hunde besser zu behandeln als Frauen? „Einen Hund kann ich nicht draußen warten lassen“, lautet darauf die Antwort. Das Taferl aus der Auslage nehmen will Glaser jedenfalls nicht. „Das ist keine Werbung, das sind meine Geschäftsbedingungen.“

Die Fälle Frischmann und Glaser sind zwei von rund 600 Beschwerden, die pro Jahr an den Werberat gerichtet werden. Bei jeder dritten kommt es zu einer Entscheidung.

„Die werbenden Unternehmen halten sich großteils an unsere Aufforderung, ihre Kampagnen zu stoppen“, sagt Andrea Stoidl, die Geschäftsführerin des Werberates.

Läuft eine beanstandete Werbung weiter, sind dem Werberat die Hände gebunden. Rechtlich durchsetzen kann er einen Kampagnenstopp nicht. Stoidl weiß aber um die Macht der Konsumenten: „62 Prozent haben eine Ware schon einmal bewusst nicht gekauft, weil sie die Werbung dafür ablehnten.“

Werbung ist natürlich kein Selbstzweck. „Sie ist bemüht, aus der täglichen Flut an Reizen hervorzutreten“, sagt Jörg Matthes, Vorstand am Institut für Publizistik in Wien.

Bis zu 5000 Werbebotschaften umschwirren einen Konsumenten täglich. Hart ist der Kampf um seine Aufmerksamkeit. „Erotik ist ein Stilmittel, das hierbei besonders häufig eingesetzt wird“, sagt der Professor. Wobei es große Unterschiede zwischen Frauen und Männern in der Werbung gibt. „20 Prozent der gezeigten Frauen sind größtenteils oder ganz nackt, bei den Männern sind nur 12 Prozent teilweise unbekleidet, ganz Nackte gibt es nicht.“

Matthes hält Erotik in der Werbung nicht mehr für den großen Aufreger. „Daran hat man sich längst gewöhnt.“ Seiner Meinung nach gelangt Werbung heute auf viel subtilerem Wege zu den Konsumenten. „Werbefilme werden über soziale Medien geteilt. Man sieht sie an, weil man die Absender kennt und mit diesen über die Videos kommunizieren möchte. Und man merkt gar nicht mehr, dass es sich um Werbung handelt.“

Verwandte Themen