Wörgl

Schulversuch in Wörgl erleichtert die Integration

© Spielbichler

An der Volksschule 1 in Wörgl gibt es jahrgangsübergreifende Mehrstufenklassen. Dabei lernen die Jüngeren von den Älteren.

Von Veronika Spielbichler

Wörgl –Wenn in der Früh die Schulglocke läutet, versammeln sich die Kinder am Boden sitzend im Morgenkreis, in dem Kalenderdatum und Jahreszeit bildlich und sprachlich – auch in Englisch – das morgendliche Ritual eröffnen. Die Kinder erhalten ihren Arbeitsplan, kommen mit ihren Mappen in eine vorbereitete Lernumgebung, in der Lernmaterialien von der 1. bis zur 4. Schulstufe vorhanden sind. In Kleingruppen oder einzeln erledigen sie dann ihre Aufgaben, arbeiten konzentriert an ihren selbst gewählten Lernstationen.

„Die Sitzordnung ist aufgelöst. Mit Gesprächskreisen holen wir die Klasse zusammen, um wichtige Themen zu besprechen und um Kinder ihre Arbeiten in der Gruppe präsentieren zu lassen. Auch bei Vorfällen, da werden im Klassenrat gemeinsam Verbesserungsvorschläge erarbeitet“, schildert Michaela Holly die Arbeitsweise, die in den beiden Mehrstufenklassen mit je 14 Kindern von drei Lehrerinnen und einer Assistentin angewandt wird.

Vom freien Arbeiten profitieren die Kinder ebenso wie die Lehrerinnen. Beide Klassen sind Integrationsklassen. „Die Lernmotivation ist sehr hoch. Es ist ein natürliches und gleichberechtigtes Lernen nach etablierten Regeln, in die die Kleinen hineinwachsen“, erklärt Michaela Holly, die überrascht ist vom „Zug“, den die Zweitklassler auf die Neuen ausüben: „Die Kleinen wollen möglichst schnell dahin, wo die Größeren schon sind. Wer von den Älteren den Lerninhalt beherrscht, gibt das Wissen an die Kleineren weiter.“ Das hat Vorteile für alle. Ältere können Lücken schließen und versäumten Lernstoff der ersten Klasse mitnehmen. Jüngere, die bei Schulbeginn schon lesen, schreiben und rechnen können, langweilen sich nicht im Unterricht und eignen sich schon Lernstoff der nächsten Schulstufe an.

Das selbstständige Lernen spielt die Lehrkräfte frei, um sich gezielt um Kinder zu kümmern, die mehr Betreuung brauchen. Das betrifft die Integrationskinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf ebenso wie Kinder aus Kriegsflüchtlingsfamilien, die von der Montessori-Pädagogik profitieren, bei der nicht nur über die Sprache kommuniziert wird.

„Wir können mit den Kindern individuell arbeiten“, sagt Holly und ihre Kollegin Katrin Haaser aus der Parallelklasse bestätigt: „Das macht auch die Begabtenförderung leichter.“ Die Basis sei der individuelle Weg – und so sei auch die Bandbreite sehr groß, was den Wissensstand der Kinder betrifft. Lernfortschritte erleben alle Kinder als Erfolg, ohne direkt in einem Wettbewerb zu stehen.

„Die Mehrstufigkeit ist ein Riesenvorteil für die Inklusion. Es fällt nicht mehr auf, in welchem Lehrplan die Kinder unterrichtet werden. Der Klassenverband wird bis zur vierten Klasse nicht gewechselt“, ist Schulleiterin Isabella Mölk überzeugt, die den Schulversuch 2014 mit dem Lehrkräfte-Team startete, dem weiters Claudia Niederleimbacher-Hager und die Assistentin Sorlusoy Sati angehören. Der Start erfolgte gemeinsam, in der 2. Schulstufe wurde die Klasse getrennt, der nun zwei Klassenräume und ein Gemeinschaftsraum zur Verfügung stehen. „Die Eltern melden sich für diese Schulform extra an“, so Mölk, die den sozialen Mehrwert des altersgemischten Lernens, das in Großfamilien ebenso natürlich ist wie am Kinderspielplatz, schätzt. Mölk hebt auch den Einsatz der Lehrerinnen hervor: „Diese Unterrichtsform bedeutet einen enormen Mehraufwand und braucht viel Engagement und Mut.“

Im Durchschnitt zählen Wörgls Volksschulklassen 20 bis 24 Kinder. Die Mehrstufenklassen werden bis zur 4. Schulstufe aufgestockt und laufen dann mit 22 Kindern pro Klasse permanent weiter, der Anteil der Integrationskinder bleibt gleich.

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