Tirol

Ein Wetterjahr der Superlative

Der Winter zu warm und mit zu wenig Schnee, ein feuchtes Frühjahr, dann aber ein schöner Sommer und ein prachtvoller Herbstausklang: Das Wetterjahr 2015 brachte so einige Superlative.
© Andreas Rottensteiner

Bis zu vier Grad wärmer als normal könnte der November heuer werden. Doch nicht immer ist die subjektive Empfindung des Wetters auch durch die Statistik gedeckt.

Von Marco Witting

Innsbruck — Wann wird?s mal wieder richtig grauslich? So grauslich, wie es früher einmal war? Regenliebhaber hatten in den vergangenen Tagen in Tirol die Herbstdepression. Während die Seilbahnwirtschaft langsam ins Schwitzen kommt, freut sich die Bauwirtschaft über Septemberwetter im November. Alle anderen haben an einem mehr als nur goldenen Herbst einfach nur eine Riesen-Gaudi. Die letzten Tage passen übrigens genau zu einem Wetterjahr der Superlative. Nach dem Supersommer jetzt der Mega-Herbst. Doch deckt sich die subjektive Empfindung auch mit der statistischen Erfassung?

Nicht unbedingt. Denn 2014, das den Tirolern wohl eher als durchschnittliches Wetterjahr in Erinnerung geblieben ist, war statistisch gesehen das wärmste seit Beginn der Aufzeichnungen. Der heurige Sommer und Herbst schaffen es in Sachen Temperatur aber wohl nicht, da heranzukommen. Und außerdem: Kann man für Österreich oder auch nur für Tirol überhaupt so etwas wie einen Jahrestrend festlegen? Wohl kaum. Schon regional sind die Unterschiede oft relativ groß. „Das zeigt das Beispiel von Nord- und Osttirol im Jahr zuvor. In Lienz hatte es extrem viel Schnee. In Innsbruck gar keinen. Die Alpen sind schon eine ziemliche Barriere und es gibt einfach gewisse Unterschiede“, sagt Meteorologe Alexander Orlik von der Fachabteilung Klima der Zentralanstalt für Meteorologie (ZAMG).

Außerdem „kann es bei uns verdammt schnell gehen“, sagt Meteorologe Reinhard Prugger von den meteoexperts in Lienz. Sprich: Jede noch so schöne Wetterphase hat ein Ablaufdatum. Dass sich heute nach tagelangem Sonnenschein das Wetter ändert, ist aber nur von kurzer Dauer. „Eine deutliche Abkühlung zeigt sich vorerst nicht“, sagt Orlik. Die beiden Experten sind sich jedenfalls einig, dass die vergangenen Monate wettertechnisch einiges zu bieten hatten. „Die Situation, die wir in den vergangenen Tagen hatten, ist sehr stark mit jener des Sommers zu vergleichen. Damals kam warme Luft aus Afrika zu uns und das war in den vergangenen Tage nicht anders“, sagt Prugger. Dass es in Tirol zwei derartige Wetterphasen in einem Jahr gab, ist vor allem „Glück“. In Schweden oder Großbritannien sei der Sommer dagegen sehr kalt gewesen. Um drei, vielleicht sogar vier Grad wärmer könnte der heurige November dagegen in Tirol ausfallen. Das hänge natürlich noch von den kommenden Tagen ab, sagt Orlik.

Wie super das Wetter im zu Ende gehenden Jahr war, das lässt sich auch an Zahlen ablesen. Etwa an den 38,2 Grad des 7. Juli in Innsbruck — die höchste dort gemessene Temperatur überhaupt. Oder an den 26,6 Grad am 15. April, ebenfalls in der Landeshauptstadt. Und auch die fast 14 Grad am 17. Februar fühlten sich ziemlich heiß an. Kufstein schwitzte am 1. September immer noch bei 32,4 Grad. Doch nicht nur die Temperaturen machten das heurige Jahr in Tirol so besonders. Dazu kamen auch die zahlreichen Gewitter, teilweise mit verheerenden Folgen. Sie trüben und verändern natürlich auch die Niederschlagsbilanz, die etwa in anderen Bundesländern komplett anders — und deutlich niedriger — ausfällt.

Auch die Zahl der Blitze war heuer rekordverdächtig. Das Ortungssystem Aldis registrierte allein in Tirol über 26.600 Blitze. Doch wer glaubt, dass das besonders viele waren, der irrt erneut. Das ist nur der fünftgrößte Wert seit 1992. 2006 gab es noch deutlich mehr Blitze. „Der Mensch vergisst schnell“, sagt Prugger. Jetzt, nach einer so langen warmen und schönen Wetterphase, denke auch niemand mehr daran, dass der September und Anfang Oktober „gar nicht so berühmt waren“. Und der Meteorologe wundert sich über jene, die ihn nach der langen Schönwetterphase hinsichtlich des Winters besorgt ansprechen. „Da haben schon etliche Panik, dass es keinen Schnee gibt“, lacht der Experte. Für wen es ein super Winter wird, steht aber noch nicht einmal in den Wetterkarten.

Außergewöhnliches Wetterjahr

Nicht immer spiegelt sich der subjektive Eindruck vom schönen Wetter letztlich dann auch in den statistischen Jahresdaten wieder. Drei Fragen an Alexander Orlik, Meteorologe bei der ZAMG.

Nach dem Supersommer ein wunderschöner Herbst. War 2015 ein außergewöhnliches Jahr in Sachen Wetter?

Alexander Orlik : Es gibt sicher Anzeichen, dass es ein Jahr der Superlative war. Das Jahr 2014 war aber das wärmste Jahr in Tirol seit Beginn der Messgeschichte und das werden wir nicht erreichen.

Woran liegt das?

Orlik

:

Man darf hier nicht den subjektiven Eindruck mit den objektiven Daten verwechseln. Wenn ich Skifahrer bin, merke ich sofort, wenn kein Schnee liegt. Einem normalen Stadtbewohner fallen ein, zwei Grad Temperaturunterschied nicht wirklich auf. Heuer war es von Februar bis Juni nicht überdurchnittlich wärmer.

Geht der Trend bei den Temperaturen jetzt so weiter?

Orlik

:

Es wird auch weiterhin kältere Jahre geben und wärmere. Aber das alles spielt sich auf einem höheren Temperaturniveau ab. Seit den 80er- und 90er-Jahren haben wir hier einen kontinuierlich starken Anstieg. Der hat sich dann zwar verlangsamt, aber geht weiter. Der noch laufende November heuer könnte sicher am Ende drei bis vier Grad zu warm ausfallen.

Das Interview führte Marco Witting

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