Sauerstoff für das Babyhirn: Mehr Information durch Infrarot-Messung

Graz (APA) - Die Geburt ist ein radikaler Einschnitt in der Sauerstoffversorgung des Kindes: Vergleichbar mit dem plötzlichen Wechsel vom Mo...

Graz (APA) - Die Geburt ist ein radikaler Einschnitt in der Sauerstoffversorgung des Kindes: Vergleichbar mit dem plötzlichen Wechsel vom Mount Everest auf Meeresspiegel-Höhe. Standardmäßig wird daher die Sauerstoffsättigung des arteriellen Blutes gemessen. Forscher der Med-Uni Graz sprechen der zusätzlichen Messung der Sauerstoffversorgung des Gehirns über Nahinfrarot-Spektroskopie große Bedeutung zu.

Nie wieder wird der gesamte Organismus eines Neugeborenen ohne jegliche Vorbereitung einer derart ausgeprägten Veränderung der Umgebung und der Sauerstoffverhältnisse ausgesetzt, wie bei der Geburt, schilderte Berndt Urlesberger von der Klinischen Abteilung für Neonatologie an der Med-Uni am Donnerstag im Gespräch mit der APA. Daher benötigt das Neugeborene auch eine gewisse Zeit der Anpassung, wobei speziell bei Frühgeborenen eine Atemunterstützung mit Sauerstoff erforderlich sein kann. Jeder länger dauernde Sauerstoffmangel vor, während oder nach der Geburt führt durch das Absterben von Nervenzellen zu einer frühkindlichen Hirnschädigung,

Der Leiter der Forschungseinheit für zerebrale Entwicklung und Oximetrie hat bei Messungen an Neugeborenen erkannt, dass die Sauerstoffversorgung des Gehirns nicht parallel zur Sauerstoffsättigung des arteriellen Blutes verläuft. „Unmittelbar nach der Geburt wird das Gehirn bevorzugt mit Sauerstoff versorgt. Diese Autoregulation des Gehirns muss aber nicht immer adäquat sein und lasse sich nicht früh genug an der Sauerstoffsättigung des arteriellen Blutes ablesen“, so Urlesberger.

Die Grazer Neonatologen setzen daher zusätzlich auf die Messung mittels nicht-invasiver Nahinfrarot-Spektroskopie (NIRS). „Wir messen die Sauerstoffsättigung im Gehirn über kleine Lichtsonden“, sagte der Experte. Dabei wird Infrarotlicht durch die Schädeldecke in das Gehirn gestrahlt. Da die Lichtdurchlässigkeit des Gewebes von der Menge und dem Sauerstoffgehalt des Blutes abhängt, und die Durchblutung mit sauerstoffreichem Blut bei Aktivierung des Gehirns zunimmt, lässt sich von der gemessenen Lichtmenge auf die Sauerstoffsättigung und damit einer möglichen Unterversorgung schließen. „Einer gesonderten Messung wird in Zukunft große Bedeutung zukommen“, meinte Urlesberger. Die Grazer Experten haben bereits Normkurven, die eine Unterversorgung des Gehirns mit Sauerstoff erkennen lassen, vorgelegt.

Allerdings sei auch ein Überangebot an Sauerstoff schädlich für das Gehirn. Aus Sicht der Grazer Experten könnte die Nahinfrarot-Spektroskopie-Messung die entscheidende Technologie zur Steuerung der Sauerstoffgabe sein und eine Unter- oder Überversorgung mit Sauerstoff verhindern helfen.

(S E R V I C E - Baikl N., Urlesberger B, Schwaberger B et al.: „Cerebral haemorrhage in preterm neonates: does cerebral regional oxygen saturation during the immediate transition matter?“, ADC Fetal & Neonatal“, 2015;100:F422-F427, doi:10.1136/archdischild-2014-307590)