Schweden - „Humanitäre Supermacht“ auf dem Prüfstand

Malmö (APA/AFP) - Schweden gilt gemeinhin als „Schlaraffenland“ für Einwanderer, doch die Probleme sind inzwischen unübersehbar. Ein Gang du...

Malmö (APA/AFP) - Schweden gilt gemeinhin als „Schlaraffenland“ für Einwanderer, doch die Probleme sind inzwischen unübersehbar. Ein Gang durch den Stadtteil Rosengard in Schwedens multikulturellster Stadt Malmö genügt, um die ethnische und soziale Trennung in der Gesellschaft zu erkennen.

Auf dem Parkplatz des Einkaufszentrums zeugt ein Haufen zerbrochener Scheiben davon, dass Rosengard weit von dem Postkartenidyll entfernt ist, mit dem sich Malmö so gern präsentiert. Das viel gelobte schwedische Gleichheitsideal wird mit dem aktuellen Flüchtlingsandrang vor ganz neue Herausforderungen gestellt. Am Donnerstag nun führte das Land vorübergehend wieder Grenzkontrollen ein.

„Hier gibt es viele Jugendliche, die nachts draußen herumlaufen“, sagt Aneta Moura, die 1972 nach Rosengard zog. Moura ist eine von tausenden Griechen, die damals als Gastarbeiter ins Land kamen. Heute beklagt sie die Zustände in ihrem Viertel und ist stolz, dass alle ihre Kinder an besser gestellten Orten leben. Der wachsende Zustrom von Syrern, Irakern, Somaliern und Afghanen geht mit einer zunehmenden Armut und einer Verschlechterung der Wohnbedingungen einher. Rosengard ist dabei keine Ausnahme.

„Es ist nett, den guten Samariter zu spielen, aber in den Vororten stehen wir außerhalb des Systems“, sagt Alex Ngabo, ein Gemeindeaktivist im Stockholmer Stadtteil Tensta. 87 Prozent der Einwohner des Viertels haben einen Migrationshintergrund. Es sind vor allem die ohnehin ärmlichen Vororte, in welche die Einwanderer abgedrängt werden. Die Arbeitslosigkeit ist hoch - laut Statistik hat die Hälfte der Einwanderer nach sieben Jahren noch keinen Job, nach 15 Jahren verfügen etwa 60 Prozent über eine Arbeit.

Dabei ist Schweden seit den 1950er Jahren eines der begehrtesten Ziele von Einwanderern. Auch in der aktuellen Flüchtlingskrise ist das Land neben Deutschland eines der Top-Ziele der vielen Neuankömmlinge, die sich von einer großzügigen Asylpolitik angezogen fühlen.

Das skandinavische Königreich, in dem einer von fünf Einwohnern einen Migrationshintergrund hat, rechnet für dieses und das kommende Jahr mit bis zu 360.000 neuen Flüchtlingen. Das entspricht pro Kopf in etwa den Zahlen für Deutschland. Doch auch Schweden, das der konservative Ex-Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt noch im vergangenen Jahr als „humanitäre Supermacht“ pries, stößt zunehmend an Grenzen.

Seit Donnerstagmittag gibt es in Schweden wieder Grenzkontrollen. „Das ist kein Zaun, wir müssen nur sicherstellen, dass wir Kontrollen haben“, sagt dazu der sozialdemokratische Regierungschef Stefan Löfven. „Wir müssen sicherstellen, dass wir wissen, wer nach Schweden kommt.“ Erst in der vergangenen Woche nannte er die Situation „nicht länger haltbar“, Schweden könne Flüchtlinge nicht mehr in der bisherigen Weise aufnehmen. Zuvor hatte Löfven eine Begrenzung der Flüchtlingszahlen stets ausgeschlossen.

Wie angespannt die Lage inzwischen ist, zeigt auch eine Aussage von Einwanderungsminister Morgan Johansson. „Wir können keine Unterkunft für alle Flüchtlinge garantieren - wenn Sie in Deutschland ein Dach über dem Kopf haben, ist es wahrscheinlich am besten, wenn Sie dort bleiben“, sagte der Minister kürzlich. Aus der Not heraus stellte die schwedische Migrationsbehörde bereits Betten für 50 Flüchtlinge im eigenen Gebäude auf. Viele der Neuankömmlinge schlafen inzwischen auf nackten Betonböden in leerstehenden Lagerhallen.

Angesichts der Schwierigkeiten bei der Integration bereits lange in Schweden lebender Einwanderer steht das Land vor der Frage, wie der Umgang mit den Neuankömmlingen gelingen kann. Auch in Malmö, wo bereits 43 Prozent der Einwohner ausländische Wurzeln haben, kommen jede Woche tausende neue Flüchtlinge an. Zustände wie in Rosengard, wo nicht nur die Arbeitslosigkeit, sondern auch die Kriminalität hoch ist, nähren die Unzufriedenheit vieler. Zugute kommt dies den rechtsextremen Schwedendemokraten, die in einigen Umfragen bereits von 27 Prozent der Wahlberechtigten unterstützt werden.