Der Traum vom Eldorado: Aufgeben ist keine Option

Dakar (APA/dpa) - Abdoulaye Mar genießt den Neid seiner Nachbarn. Er besitzt ein Doppelbett, einen Kühlschrank, Flatscreen-TV, ein Smartphon...

Dakar (APA/dpa) - Abdoulaye Mar genießt den Neid seiner Nachbarn. Er besitzt ein Doppelbett, einen Kühlschrank, Flatscreen-TV, ein Smartphone und sogar einen Laptop. Im Bagdad-Viertel der senegalesischen Hauptstadt Dakar gilt der 56-Jährige als reich. Doch sein Vermögen hat Mar nicht in Westafrika gemacht.

Für zehn Jahre hat sich der gelernte Schneider in Spanien als Hilfsarbeiter auf Baustellen durchgeschlagen. Jedes Monat schickte er sein Gehalt in den Senegal. So hat Mar seiner Frau, sieben Kindern und vielen Verwandten ein gutes Leben ermöglicht. Im vergangenen Jahr kehrte er zurück nach Afrika - als gemachter Mann.

Der „Traum vom Eldorado“, wie er ihn nennt, war alles andere als himmlisch. „Ich habe einen hohen Preis gezahlt, mich wirtschaftlich versklavt“, sagt Mar. Dennoch bereue er nichts. „Es war ein kalkuliertes Opfer für das Wohlergehen meiner Familie“, meint er.

Rund 45.000 Westafrikaner sind nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) allein dieses Jahr illegal nach Europa geflohen. Obwohl der Senegal politisch und wirtschaftlich vergleichsweise stabil ist, gehören Senegalesen laut IOM zu einer der größten Migrantengruppen der Region. „Armut und Konflikte sind nicht die einzigen Ursachen für die Flucht“, erklärt IOM-Westafrika-Spezialist Michele Bombassei. „Es geht auch darum, was man vom Leben erwartet, wie ambitioniert man ist“.

Mar musste zwei Anläufe nehmen, um es nach Spanien zu schaffen. Im Jahr 2003 war er versteckt in einem Lastwagen an die marokkanische Küste gefahren. Während der Reise sei er gezwungen gewesen, den Urin seiner Menschenhändler zu kaufen, um nicht zu verdursten. Von Marokko schwamm er über die Straße von Gibraltar. Doch am spanischen Ufer wurde er verhaftet und repatriiert.

Ein Jahr später war Mar erfolgreich. Auf einem Fischerboot segelte er eine Woche übers offene Meer zur kanarischen Insel Fuerteventura. Wieder wurde er interniert. Doch diesmal durfte er bleiben. Viele andere Migranten haben weniger Glück.

Yayi Bayam Diouf, 57, hat so ihren einzigen Sohn verloren, der als verarmter Fischer keine Zukunft für sich sah. Wie Mar bestieg auch er eine Piroge Richtung Spanien. Doch das Wetter spielte nicht mit. Die Wellen seien über zwölf Meter hoch gewesen, erzählte ein Überlebender der Mutter später. Das Boot ging unter.

Zusammen mit anderen Hinterbliebenen mobilisiert Diouf nun gegen illegale Migration. Denn Erfolgsgeschichten wie die von Mar sind die Ausnahme. Und wer scheitert, reißt seine Familie in noch tiefere Armut als zuvor, sagt sie. Um jemanden auf die Flucht zu schicken, spart eine afrikanische Großfamilie über Jahre. Wenn der Migrant es nicht nach Europa schafft, ist das Geld weg.

Diouf hat große Hoffnungen für den Flüchtlingsgipfel auf Malta, auf dem die Europäische Union einen Aktionsplan verabschieden will, um Migration gezielt zu kontrollieren. Es wird um den Aufbau eines Grenzschutzes in Afrika gehen, um Rückübernahmeabkommen sowie den Kampf gegen den Terrorismus, aber auch um mehr Entwicklungshilfe.

„Wir können unsere Zukunft nicht auf Geldsendungen aus Europa aufbauen. Wir müssen unsere Probleme an Ort und Stelle angehen“, sagt Diouf. Es brauche staatlich geförderte Maßnahmen zur Bildung, Bekämpfung von Jugend-Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichen Entwicklung, erklärt sie. „Was immer auf dem Gipfel beschlossen wird, wir müssen hier auf lokaler Ebene involviert werden“, meint sie.

Bis es handfeste Ergebnisse gibt, wird Europa jedoch für viele das heiß ersehnte Paradies bleiben. Jeden Abend schmiede er mit seinen Freunden Pläne für die Flucht, sagt El Hadji Diop, ein junger Fischer aus einem Armenviertel in Dakar. Einmal hat der 27-Jährige es bereits versucht, via Mauretanien. Als man ihn an der Grenze zu Spanien verhaftete und zurückführte, habe er seiner Familie nicht in die Augen sehen können.

„Meine Mutter hatte ihren ganzen Schmuck verkauft. Ich war gescheitert, eine Schande für die Familie“, erinnert er sich. Diesmal will er über Marokko fliehen. Das Risiko interessiert ihn nicht. „Ich bin es meiner Familie schuldig“, sagt Diop. „Mein eigenes Leben hat keine Priorität“.