Kunstfigur in einer Kunstwelt - Donald Trump und die Sozialen Medien

Washington (APA/dpa) - Müssten Polit-Kommentatoren in Europa Stellung zu dem nehmen, was Präsidentschaftsbewerber Donald Trump gerade über S...

Washington (APA/dpa) - Müssten Polit-Kommentatoren in Europa Stellung zu dem nehmen, was Präsidentschaftsbewerber Donald Trump gerade über Social Media in den USA abliefert, würden wohl Begriffe fallen wie „unbeherrscht“, „ungehobelt“, vielleicht auch „wirr“.

Auf Twitter, Facebook und anderen Netzwerken schwimmt der für die konservativen Republikaner in den USA ins Rennen gegangene Baulöwe im Jargon der Szene mit. Weitgehend frei von Inhalten, der frontale Angriff auf den jeweils gerade im Weg stehenden politischen Gegner als einer der wenigen Kernpunkte seines politischen Programms.

Trump hat die sogenannten Sozialen Medien zu seinem Forum gemacht. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter hat er über 4,8 Millionen Follower, mehr als jeder seiner Mitbewerber. Zum Vergleich: Fußball-Weltmeister Bastian Schweinsteiger hat 2,8 Millionen, US-Präsident Barack Obama allerdings 64 Millionen. Trumps Facebook-Seite unter dem Wahlkampfslogan „Make America Great Again“ haben mehr als vier Millionen Menschen mit „Gefällt mir“ markiert.

„Social Media verstärkt immens den Trend, dass die Leute sich ihre eigene Realität konstruieren“, sagt Ken Bode, früherer Korrespondent der „Washington Post“, der selbst eine ganze Reihe von Präsidentschaftswahlkämpfen miterlebt hat.

Nach Meinung von Experten eignet sich Trump wie kaum ein Zweiter, um in den Sozialen Netzwerken zu punkten. „Er nimmt kein Blatt vor den Mund, er provoziert, er schlägt zurück: Das ist es, was sich zum Retweeten eignet“, sagt der Schweizer Politologe und Politikberater Louis Perron.

Allerdings gewinne das noch keine Wahl. „Er muss den Beweis antreten, dass er das am Wahltag in Stimmen ummünzen kann.“ Medienhypes hätten schon viele Republikaner vor ihm entfacht, allerdings kaum einer so ausdauernd.

Joe Trippi, einer der Pioniere in Sachen Wahlkampf und Social Media, hält große Stücke auf den Social-Media-Star Trump: „Was das angeht, ist er einer der besten.“ Trump wisse genau, wie er seine Leute um sich schare.

Trippi hatte vor der Präsidentenwahl 2004 den Demokraten Howard Dean überraschend lange Zeit mithilfe von Internetmedien gepuscht - ehe das Kartenhaus in sich zusammenfiel. Vier Jahre später war es Barack Obama, der in seinen Wahlkampf erfolgreich Internet-Elemente einflocht.

Trump, der milliardenschwere Immobilienmagnat aus New York, liegt seit Wochen in den Umfragen bei den Republikanern mit haushohem Vorsprung vorne, gemeinsam mit seinem innerparteilichen Kontrahenten Ben Carson, einem pensionierten Neurochirurgen mit teils extremen Thesen, die ebenfalls gut in Social Media passen. „Carson adressiert ausschließlich seine eigenen Leute, er kreiert sich seine eigene Welt“, sagt Howard Fineman von der „Huffington Post“.

Trump, der sich oft und gern als Bilderbuch-Amerikaner und mit Baseball-Kappe zeigt, profitiert nach Ansicht von Meinungsforschern von einer allgemeinen Unzufriedenheit der Stammwähler mit der Führung der Republikaner. Gerade die Netzgemeinde geht mit dem Establishment besonders hart ins Gericht.

Hinzu kommt: Die kostenlose Präsenz vor einer Millionenkulisse im Internet wirkt wie ein Schneeball, der immer größer wird, und das ohne regionale Grenzen. Der New Yorker Trump hat plötzlich Fans in US-Staaten, die er noch nie betreten hat.

Der US-Meinungsforscher Patrick Murray vom Umfrageinstitut der Monmouth University in New Jersey sieht in den Sozialen Medien die Möglichkeit für Kandidaten wie Trump, sich im Gespräch zu halten. „Genauso wie der Demokrat Bernie Sanders schafft es Trump so, seine Fangemeinde bei Laune zu halten“, sagt Murray im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). „Sobald die Zahl der Kandidaten aber reduziert wird und es auf direkte Argument ankommt, wird das nicht mehr ausreichen.“

Das wissen auch Trump und sein Wahlkampf-Hauptquartier: Der Gang durch die hohle Gasse des Internets ist nicht genug, um Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. In einem Interview mit der „Washington Post“ machte er jüngst deutlich, dass die Sozialen Medien womöglich nur die erste Zündstufe seiner Wahlkampfrakete sind.

Allgemeine Lehrmeinung in den USA ist es gegenwärtig, dass Trump irgendwann die Luft ausgeht. Doch die ersten Experten mahnen zur Vorsicht. „Jeder Wahlkampf ist anders, aber ein Phänomen wie Trump habe ich noch nicht erlebt“, sagt Professor Murray. „Er hat bisher alle Regeln abgeschüttelt, die wir von bisherigen Wahlkämpfen kennen.“