„Hänsel und Gretel“ - Thielemann: „Die ermorden eine alte Frau!“

Wien (APA) - Am 19. November steht Stardirigent Christian Thielemann im Graben der Wiener Staatsoper für Engelbert Humperdincks Märchenoper ...

Wien (APA) - Am 19. November steht Stardirigent Christian Thielemann im Graben der Wiener Staatsoper für Engelbert Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“ - eine Novität für das Haus am Ring. „Das wiederaufgebaute Wiener Staatsopernhaus hat dieses Stück noch nie gesehen!“, zeigte sich der 56-Jährige vor Journalisten überrascht, dass das Werk zuletzt vor Kriegsende am Spielplan stand.

Deshalb habe er Direktor Dominique Meyer das Werk vorgeschlagen: „Ich befürchte, das war meine Idee.“ Er selbst sei mit dem Stück praktisch musikalisch sozialisiert worden: „Ich weiß bis heute nicht ganz, worum es in der ‚Zauberflöte‘ geht.“ Das deutlich kürzere Humperdinck-Werk sei da wesentlich leichter zugänglich: „Eigentlich ist ‚Hänsel und Gretel‘ Schuld an meiner Freude am homogenen Orchesterklang.“

Es sei auch musikalisch nicht zu unterschätzen: „Es ist technisch schwer.“ Insofern merke er dem Orchester die Freude an dem Werk an, das die meisten selbst noch nicht gespielt hätten: „Die Wiener Philharmoniker haben so einen Spaß daran, weil sie es nur aus ihren Kindertagen kennen.“ Und musikalisch habe es abseits der enthaltenen Kinderlieder einen wunderbaren Nebeneffekt: „Man jubelt den jüngeren Leuten den Wagner unter.“

Zugleich sei das Stück beileibe nicht nur für Kinder geeignet. „Sind Märchen nur für Kinder? Natürlich nicht! Die meisten Märchen sind hochgradig grausam.“ Da müsse man sich nur das Paar Hänsel und Gretel konkret ansehen: „Die ermorden eine alte Frau - die begehen einen Mord. Das ist schon ein Ding!“

Angetan zeigte sich Thielemann in diesem Zusammenhang von der Staatsopern-Inszenierung durch Regisseur Adrian Noble: „Der Herr Noble macht seinem Namen alle Ehre.“ Die Inszenierung sei repertoiretauglich, bildschön und man können ohne Bedenken Kinder hineinschicken: „Sie müssen nicht erklären, was ein Kinderschänder ist. In dieser Inszenierung gibt es das alles nicht.“

Bei der Besetzung sei ihm wichtig gewesen, dass die Rolle der Knusperhexe von einer Frau, im konkreten Fall von Michaela Schuster, gesungen wird: „Die Hexe ist eine Frau - ganz wichtig! Bitte keinen Mann! Ich habe das immer nur mit Frauen dirigiert.“ Der bisweilen getroffenen Entscheidung, die Partie von einem Mann singen zu lassen, könne er nichts abgewinnen: „Sie können es auf Ambiguität, um nicht zu sagen ‚schwul‘ machen. Aber so war das nicht gemeint. Die Hexe hat auch etwas Edles - die lockt seit Jahren Kinder in ihr Lebkuchenhaus. So schrecklich kann die also nicht sein, die hat auch ein gewisses Flair.“

(Die Fragen stellte unter anderen Martin Fichter-Wöß/APA)