Tirol

In der Lebensmitte zurück an die Uni

© APA

Studienabbrecher von einst wittern dank dreistufigem Bologna-System akademische Morgenluft. Sie kramen ihre alten Zeugnisse zusammen und kehren in den Hörsaal zurück.

Von Gabriele Starck

Innsbruck — Das Gespenst des Unvollendeten, vermeintlich schon längst tief im Unterbewussten vergraben, taucht nach 20 Jahren plötzlich wieder auf. Häufig ist es auch ein wenig Frust im Job, der Studienabbrecher noch einmal die Herausforderung suchen lässt. Die alten Zeugnisse werden ausgegraben und zu Studienabteilung und Prüfungsamt der einstigen Alma Mater getragen — in der Hoffnung, dass es sich mit dem, was damals nicht für den Magister reichte, jetzt für den Bachelor ausgeht.

„Wer dann feststellt, dass er nur noch eine Seminararbeit vom Bachelorabschluss entfernt ist, sollte nicht lange überlegen und die einmal wohl erworbenen Prüfungsleistungen mit dem akademischen Abschluss krönen“, rät Thomas Donabauer, Leiter der Studienabteilung der Universität Innsbruck. So, eigentlich sogar noch besser erging es einem Journalistenkollegen, der nicht namentlich genannt werden will. Er gehört zu jener Generation, die einst zu Hunderten die Uni schmiss, weil er die Gelegenheit zu einem Volontariat bekam und so immer tiefer in den Journalismus hineinrutschte. Der Job machte ihm Spaß, die Motivation für Vorlesungen, Seminare und Co sank gegen null. Los ließ ihn der Gedanke an das „unvollendete Lebensprojekt“ jedoch nie und so sammelte er vor rund zwei Jahren tatsächlich alle Scheine von damals zusammen und trug sie an die Universität. Er kam als Bachelor wieder heraus — alle Voraussetzungen erfüllt, hieß es. Und da immer noch Zeugnisse von damals übrig waren — er hatte 1988 zu studieren begonnen — hängte er gleich noch ein Masterstudium dran. „Wenn ich damals gewusst hätte, wie schwierig es ist, mit Familie und Beruf das Studium unter einen Hut zu bringen, hätte ich anno dazumal wohl trotz des Jobs locker fertig gemacht“, erzählt er.

Bemerkenswert auch der Fall eines nichtwissenschaftlichen Uni-Bediensteten, der mit Forscherdrang und hochqualifiziertem Output seit Jahrzehnten an der Universität arbeitet. Er hat die Uni nie verlassen, aber auch sein Studium nie vollendet. Er schreibt derzeit an seiner Bachelorarbeit, obwohl er schon etliche aufwändigere Arbeiten abgeliefert hat.

Wer allerdings im Gegensatz zu den genannten Beispielen nur wenige Prüfungen vorweisen kann, die anerkannt werden, der hat einiges vor, warnt Donabauer. „Dann ist ?der ganze Ehrgeiz gefragt?, sich nebenberuflich unter deutlich geänderten Rahmenbedingungen und mit vielen Studienanfängern gemeinsam in einer Materie zu bewähren, die eigentlich mit Blick auf ein Vollzeit-Studium konzipiert ist.“

Einiges gefordert wurde auch von Alice Angermann, als sie ihren Titel erwarb. Die Ernährungsberaterin der ÖSV-Skispringerinnen hat ihre Ausbildung zur Diätassistentin schon im Jahr 1992 erfolgreich abgeschlossen — nur gab es damals keinen akademischen Grad dafür. Inzwischen jedoch ist ihre ehemalige Ausbildungsstätte von der Akademie zur Fachhochschule avanciert und die Absolventinnen und Absolventen verlassen diese als Bachelor. Sie absolvierte die extra dafür eingerichteten Unterrichtsblöcke über wissenschaftliches Arbeiten, schrieb zwei schriftliche Arbeiten und bekam für ein Semester einen Studienplatz. Vor wenigen Wochen bekam sie ihren „Bachelor (FH)“ verliehen.

Abschluss nachholen

Voraussetzungen. Technisch handelt es sich beim Wiedereinstieg um eine Neuzulassung zu einem Studium, das nach den zurzeit gültigen Curricula zu absolvieren ist. Allerdings gibt es die Möglichkeit, früher abgelegte Prüfungen anerkennen zu lassen. Der dafür zuständige Studiendekan kann dabei entweder auf Äquivalenzlisten zurückgreifen oder er überprüft die Zeugnisse im Einzelfall. So mancher ehemalige Diplomstudierende, dem nur noch die Diplomarbeit zu seinem Abschluss fehlt, kann so unter Umständen relativ schnell zu seinem Abschluss kommen. Die genauen Modalitäten der Anerkennung gilt es aber bei den zuständigen Prüfungsreferaten bzw. an den Instituten zu erfragen.

Ablauf. Die Zulassung selbst erfolgt in der Studienabteilung. Liegt die Studienunterbrechung erst kurze Zeit zurück, sind alle relevanten Daten bereits erhoben. Interessierte benötigen so nur noch ein Meldungsblatt und ihren alten Studierendenausweis. Reicht der Studienabbruch länger zurück, empfiehlt es sich, alle Unterlagen wie ein Studienanfänger mitzubringen.

Zahlen. Abbrecher ist nicht Abbrecher: Zehn Prozent aller vermeintlichen Studienabbrecher kehrten laut einer IHS-Studie von 2014 (Daten bis Sommersemester 2012) nach einer Unterbrechung wieder an ihre Uni zurück, 16 Prozent wechselten die Hochschule bzw. in einen Uni-Lehrgang. 16 Prozent hatten bereits einen Abschluss.

Für Sie im Bezirk Innsbruck unterwegs:

Michael Domanig

Michael Domanig

+4350403 2561

Verena Langegger

Verena Langegger

+4350403 2162

Renate Perktold

Renate Perktold

+4350403 3302

Verwandte Themen