Christian Thielemann: Politik muss auf Pegida-Demonstranten zugehen

Dresden/Wien (APA) - Als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle erlebt Christian Thielemann die Pegida-Demonstrationen in Dresden gleich...

Dresden/Wien (APA) - Als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle erlebt Christian Thielemann die Pegida-Demonstrationen in Dresden gleichsam erste Reihe fußfrei - was ihm für „sein“ Haus, die Semperoper, alles andere als gefällt: „Ich finde es äußerst schade, dass unser Haus in den Fernsehnachrichten immer im unguten Zusammenhang vorkommt. Demonstrationsfreiheit ja, aber bitte nicht auf dem Theaterplatz.“

Die Notwendigkeit, dezidiert politisch gegen die rechte Bewegung aufzutreten, sehe er als Künstler allerdings nicht, stellte Thielemann vor Journalisten in Wien klar: „Ich persönlich bin bei keiner politischen Partei Mitglied und äußere mich grundsätzlich nicht politisch. Eine Kulturinstitution positioniert sich durch ihre Arbeit.“ Und dies tue die Semperoper ganz eindeutig: „Das ganze Programm, das wir machen und das Miteinander an solch einem Theater spricht für unsere Einstellungen.“ Oper sei von jeher international und komme ohne Ausländer überhaupt nicht aus: „Wir müssen nicht sagen: Wir sind weltoffen. Wir sind es!“

Die Politik müsse jedoch verstärkt auf die Demonstranten zugehen, zumal nur der kleinere Teil davon zu den dezidierten rechten Hetzern gehöre: „Die, die am lautesten brüllen, sind die mit diesen Meinungen. Aber ich habe bei den Demonstrationen in Dresden Transparente gegen den Berliner Flughafen gesehen! Die Mehrheit derjenigen, die mitlaufen, die haben es mit der Sickergrube, der Umgehungsstraße oder der Kommunalpolitik und sind der Meinung, dass sie nicht gehört werden. Die Mitläufer machen diese riesige Menge, und man glaubt, die sind alle der Meinung dieses einzigen Brüllers.“

Er gehe deshalb nicht davon aus, dass sich die Pegida-Aufmärsche dauerhaft halten werden: „Die Leute werden weniger werden, denn ich bin überzeugt davon, dass viele Dinge auch einmal diskutiert werden sollen. Wenn Menschen politisch unzufrieden sind, ist ein Politiker gut beraten, darauf einzugehen - auch wenn das eine Meinung ist, die man selber nun gar nicht teilt.“ Die Politik müsse hier gemäß Luther dem Volks aufs Maul schauen und mit den Menschen sprechen. Zugleich könne er für sich konstatieren: „Ich möchte in den Zeiten kein Politiker sein.“

Er selbst hat mit dem Titel des Musikdirektors der Bayreuther Festspiele ja auch seit heuer ein weiteres zeitfressendes Amt. Er übernehme damit einen Teil jener Aufgaben, die einst der frühere Hügel-Leiter Wolfgang Wagner auf sich vereint habe: „Ich mache jetzt vom Grüß-August bis zum Unterstützer bei der Auswahl der Besetzung vieles.“ Damit entlaste er die amtierende Bayreuth-Chefin Katharina Wagner ein bisschen: „Vier Ohren hören mehr als zwei.“ Und auch wenn es ihm wahnsinnig leidtue, dass durch die Entscheidung seine Auftritte bei den Salzburger Festspielen aus zeitlichen Gründen rar würden, gelte einfach: „Bayreuth liegt mir so nahe am Herzen. Bayreuth ist wirklich ein Traum für mich.“