Ohne Viren keine Menschen

Wien (APA) - Viren haben einen schlechten Ruf als Krankheitserreger. Doch ohne ihre Erbinformation hätte es wohl die Säugetiere und den Mens...

Wien (APA) - Viren haben einen schlechten Ruf als Krankheitserreger. Doch ohne ihre Erbinformation hätte es wohl die Säugetiere und den Menschen nie gegeben. Das sagte Donnerstagabend der Wiener Virologe Franz X. Heinz bei seiner Abschiedsvorlesung. Er ist vor kurzem in Pension gegangen.

Heinz, mit seinem Team in Fachkreisen vor allem als führender FSME- und Flaviviren-Forscher international bekannt, war 1999 ordentlicher Professor für Virologe an der Universität Wien geworden. Schließlich trat er die Nachfolge des Virologie-Pioniers Christian Kunz als Leiter des entsprechenden Instituts an, das später zu einem Department für Virologie der MedUni Wien wurde. Donnerstagabend hatten fast 200 Gäste versammelt, um Heinz zu feiern.

„Die Virologie können Sie in einer Stunde erzählen“, schilderte Heinz die Einschätzung vieler Wissenschafter von dem Fachgebiet noch vor wenigen Jahrzehnten. Moderne Technik und molekularbiologische Untersuchungsmethoden haben dieses Bild gewaltig geändert. Welche Bedeutung die Viren für das Leben auf der Erde haben, belegte der Experte mit folgenden Angaben: „Noch im 20. Jahrhundert hat es durch die Pocken als Viruserkrankung 300 bis 500 Millionen Todesopfer gegeben. Masern haben jährlich vor der Impfära sieben bis acht Millionen Todesfälle verursacht. Auch jetzt sind es immer noch mehrere hunderttausend Todesfälle, die alle verhindert werden könnten.“ Mit HIV/Aids und immer wieder aus der Tierwelt auftauchenden Virusinfektionen wie Sars, Mers, Ebola etc. gab es neue bzw. gibt es ständig neue Herausforderungen.

Doch neben Krankheitserregern sind Viren im Laufe der Evolution auch enorm wichtige Stimuli für die Veränderung des Genoms von Lebewesen gewesen. Retroviren bauten ihre Erbsubstanz in jene von Bakterien, Pflanzen, Tieren und den Menschen ein und veränderten sie damit. Die Selektion sorgte schließlich dafür, dass die positiven Aspekte dieser Infektionen die Oberhand behielten. „8,2 Prozent unserer chromosomalen DNA stammen aus Retroviren, die offensichtlich keinen Schaden anrichten“, sagte Heinz.

Einen entscheidenden Beitrag leisteten Retroviren bei der Entstehung der Plazenta. Heinz sagte: „Der Trophoblast der Plazenta bildet die Barriere zwischen der Mutter und dem Fötus. Er ist ein vielzelliges Gebilde.“ Syncytine-Proteine steuern die Ausbildung dieser Trennschicht, durch die aber gleichzeitig der Stoffaustausch gewährleistet sein muss. „Die Syncytine sind nichts anderes als die Abkömmlinge von endogenen (ins Erbgut eingebauten; Anm.) Retroviren. Ohne sie hätte es keine Säugetiere und keine Menschen gegeben. Das hat sich vor 150 Millionen Jahren abgespielt.“

Das Publikum ehrte Heinz mit standing ovations. Der Wissenschafter wird weiterhin einige Forschungsprojekte am Department für Virologie der MedUni Wien betreuen.