Angeschlagen, durchgeschlagen, bestens geschlagen: Destroyer in Wien

Wien (APA) - Die gequälte Künstlerseele als Quell der Inspiration mag für einige ja etwas für sich haben. Den gequälte Künstlerkörper brauch...

Wien (APA) - Die gequälte Künstlerseele als Quell der Inspiration mag für einige ja etwas für sich haben. Den gequälte Künstlerkörper braucht man aber wie einen Klotz am Bein. Das erfährt aktuell Dan Bejar, Sänger und Kopf der kanadischen Formation Destroyer. Nach der Absage von drei Konzerten aufgrund einer Lungenentzündung hat er sich aber am Donnerstagabend zum Auftritt in der Wiener Szene durchgerungen.

Teils dachte man schon, der Bandname werde so zur „self-fulfilling prophecy“: Denn dass der 43-jährige Bejar alles andere als fit war, bemerkte man auch ohne ein Wort des Musikers. Als wehleidig konnte man ihn jedenfalls nicht bezeichnen, denn er zog mit seinen sieben Mitstreitern das volle Programm durch. Den Anfang machten bei „Bangkok“ vom aktuellen Album „Poison Season“ noch recht zarte Töne. Aber während sich Bejar zwischen seinen Gesangseinsätzen am Bühnenrand hockend ausruhte und reichlich Wasser trank, gaben allen voran Schlagzeuger Josh Wells und Co im weiteren Verlauf ordentlich Gas.

Denn schließlich sind die Songs, die Bejar seit knapp 20 Jahren unter dem Namen Destroyer veröffentlicht, nicht immer so sphärisch geprägt wie auf dem Album „Kaputt“, das für sein Projekt vor knapp vier Jahren den endgültigen Durchbruch bedeuten sollte. Natürlich: Die Bläsersektion, die „Chinatown“ oder „Poor In Love“ am Tonträger veredelt, war auch live ausführlich zu hören. Allerdings durften sich JP Carter (Trompete und Effekte) sowie Joseph Shabason (Flöte und Saxophon) hier nochmals mehr austoben. Nicht umsonst waren sie neben Bejar prominent im Vordergrund postiert.

Auf Ansagen musste man aus verständlichen Gründen verzichten, dafür spielten sich Destroyer durch ein dichtes Set, dass naturgemäß einen Schwerpunkt auf das jüngste Liedmaterial legte. „Forces From Above“ führte sukzessive vor Augen und Ohren, was sich hier in weiterer Folge abspielen sollte, wurde doch Schicht über Schicht gelegt, gesellten sich zum feingliedrigen Gitarrenspiel luzide Keyboardsounds und ließ Bejar am Mikrofon keineswegs erkennen, das er nicht ganz auf der Höhe wäre. Beim älteren „European Oils“ öffnete dann erstmals ungestümer Rock die Tür, durch die mit „Girl In A Sling“ ein melancholischer Indie-Traum schritt.

Die Zuordnung von Destroyer zum 80er-infizierten Softrock oder gar Dreampop muss spätestens im Livegenuss ad acta gelegt werden. Zu vielschichtig, zu verspielt, zu abwechslungsreich gerät die Melange, die Bejar und seine hervorragenden Instrumentalisten da servierten. Und wo das Prädikat Pop in seiner bestmöglichen Form zum Tragen kommt, da dürfen natürlich die Hits nicht fehlen: Das war allen voran „Times Square“ in der ausarrangierten Form, ein wunderbar wandelbarer Monolith von einem Song, der Bejar in seiner eingängigsten Manier zeigte.

Am Ende murmelte der wuschelköpfige Sänger ein paar Dankesworte für die begeisterte Anhängerschar, bevor „Kaputt“, „Dream Lover“ und ein großartiges „Rubies“ den Abend beschließen sollten. Die freundschaftliche Plauderei muss zwar auf das nächste Mal verschoben werden. Ansonsten gab es bei diesem Gastspiel - übrigens dem ersten seit mehr als zehn Jahren in Wien - nichts auszusetzen. So wünscht man nicht nur baldige Genesung, sondern auch ein Wiedersehen.

(S E R V I C E - https://www.mergerecords.com/destroyer)