Vatikan-Experte Politi: Papst lässt sich von Skandalen nicht bremsen

Vatikanstadt (APA) - Papst Franziskus geht nach Ansicht des Vatikan-Experten Marco Politi nicht geschwächt aus dem jüngsten Skandal um entwe...

Vatikanstadt (APA) - Papst Franziskus geht nach Ansicht des Vatikan-Experten Marco Politi nicht geschwächt aus dem jüngsten Skandal um entwendete Dokumente im Vatikan hervor. Die Affäre betrachtet der Vatikan-Insider als „Manöver einzelner intriganter Persönlichkeiten“, die jedoch den Reformprozess des Papstes nicht stoppen werden.

„Aus dieser Affäre geht klar hervor, dass Papst Franziskus mit eiserner Faust seine Reformen durchsetzen will. Dabei scheut er nicht, hohe Prälaten hinter Gitter zu bringen, wie die Verhaftung des spanischen Monsignore Lucio Angel Vallejo Balda bezeugt“, sagte der Papst-Biograf und Autor des im September im Herder-Verlag erschienenen Sachbuches „Franziskus unter den Wölfen“ im Gespräch mit der APA.

Politi sieht klare Unterschiede zwischen diesem jüngsten Skandal und der ersten Vatileaks-Affäre im Jahr 2012, bei der der Papst-Diener Paolo Gabriele wegen der Entwendung vertraulicher Dokumente von Benedikt XVI. verurteilt worden war. „Der erste Vatileaks-Skandal war das Resultat eines Bandenkriegs, eines Konflikts unter Kardinälen im Schatten Benedikts. Vatileaks 2 ist dagegen das Produkt eines Manövers einzelner Persönlichkeiten gegen den Reformkurs von Franziskus“, meint der Autor.

Die Hälfte der entwendeten Dokumente, die die Investigativjournalisten Gianluigi Nuzzi und Emiliano Fittipaldi für ihre vergangene Woche erschienenen Sachbücher verwendet hätten, stammten aus einer Kommission, die der Papst selber zur Prüfung der Finanzlage im Vatikan eingesetzt habe, sagte Politi. „Der Papst hatte den Mut, vier internationale Buchprüfungsgesellschaften zu berufen, um die Konten der Vatikanbank IOR zu durchleuchten. Das hat natürlich vielen Prälaten nicht gefallen. Die Tatsache, dass es bei der IOR immer noch Hunderte Konten gibt, die auf zwielichtige italienische Unternehmer zurückzuführen sind, ist besorgniserregend. Der Vatileaks-Skandal bezeugt, dass zweieinhalb Jahre nach dem Pontifikatsbeginn Franziskus noch viel Schmutz wegzukehren hat“, meinte Politi.

Die wegen der Veröffentlichung vertraulicher Dokumente vom Vatikan aufgenommenen Ermittlungen gegen die Journalisten Nuzzi und Fittipaldi stoßen bei dem Vatikan-Insider auf Kritik. „Ob in Washington, Moskau, oder Rom: Aufgabe der Journalisten ist es, geheime Informationen ans Licht zu bringen. Skandalös ist nicht, dass vertrauliche Dokumente veröffentlicht werden, sondern dass im Vatikan Spendengelder in Fonds angehäuft werden, statt sie für Wohltätigkeitsprojekte auszugeben“, meinte der Journalist.

Der neue Skandal bezeuge, dass das Klima in der römischen Kurie „vergiftet“ sei und Franziskus‘ Reformbemühungen bei hochrangigen Kurienmitgliedern auf scharfen Widerstand stießen. Franziskus‘ Pontifikat befindet sich laut Politi in einer „heiklen Übergangsphase“, wie auch die vor drei Wochen zu Ende gegangene Familiensynode bezeuge. „Aus der Synode ist klar hervorgegangen, dass die Bischöfe die vom Papst unterstützte These, derzufolge neuverheiratete Geschiedene lediglich nach einer Bußperiode wieder zur Kommunion zugelassen werden sollen, nicht unterstützt haben“, sagte Politi. Franziskus‘ neuer Kurs habe sich bei der Familiensynode de facto nicht durchsetzen können.

Bei seinen Reformbemühungen stoße Franziskus auf Hürden, weil 90 Prozent der Bischöfe der Weltkirche noch von seinen Vorgängern Johannes Paul II. und Benedikt XVI. ernannt worden seien und konservative Positionen verträten. „Doch der Papst ist ein politischer Kopf. Er ist hartnäckig und ausdauernd. Er wird auf seinem Reformkurs beharren“, ist Politi fest überzeugt.