Analyse: In Geschichtsschulbüchern hat das Fremde viele Gesichter

Wien (APA) - Österreichische Geschichtsschulbücher zeichnen einer kommunikationswissenschaftlichen Analyse zufolge kein einheitliches Bild v...

Wien (APA) - Österreichische Geschichtsschulbücher zeichnen einer kommunikationswissenschaftlichen Analyse zufolge kein einheitliches Bild von „Fremdheit“. Es gebe Bücher, die zu vereinfachten Darstellungen und dem Aussparen von hintergründiger Information neigen, in anderen würden solche Themen wiederum umfassend und hintergründig aufbereitet, erklärte die Jungforscherin Lena Hager im Gespräch mit der APA.

Schulbücher seien in der Kommunikationswissenschaft überraschend selten Forschungsgegenstände, erklärte Hager, die ihre Magisterarbeit in Publizistik morgen, Samstag, auf der von Jungforschern organisierten Fachtagung „under.docs“ an der Universität Wien vorstellt. Sie hat darin sechs Bücher unterschiedlicher Verlage, die im Schuljahr 2012/13 in der achten Klasse AHS, eingesetzt wurden, analysiert. In dieser Schulstufe wird die Zeit von 1945 bis zur Gegenwart behandelt.

Der Leitgedanke bei der Auseinandersetzung war, dass „das Fremde“ nicht als Begriff gegeben ist, sondern gewissermaßen in Verbindung mit „dem Eigenen“ immer wieder neu konstruiert wird, so Hager, die sechs größere Themen oder Diskursstränge zum Thema „Fremdheit“ identifizierte. Diese sind Migration, Entwicklung eines Landes, politische Systeme, Terrorismus, Religion und Gewalt.

Auffällig seien große Unterschiede zwischen den Schulbüchern: In manchen würden komplexere Begründungen ausgespart und eher oberflächlich mit einigen Thematiken umgegangen, während in anderen Zusammenhänge viel hintergründiger aufbereiten würden, erklärte Hager. In einigen Büchern würde kaum zwischen Menschen mit muslimischem Glauben und Migrationshintergrund differenziert. Das zeigte sich etwa am Beispiel eines Arbeitsauftrags, in dem automatisch davon ausgegangen wurde, dass Muslime unmittelbare Erfahrungen mit den Thema Integration haben müssen. „Dass Österreicher auch muslimischen Glauben haben können, wird nicht mitbedacht“, so Hager.

Themen wie das Kopftuch, Minarette, Moscheenbau und der Befund, dass Österreich ein Einwanderungsland ist, seien zwar sehr präsent. In der gesamten Analyse habe sich „das Eigene“ und „der Islam“ aber als starkes Gegensatzpaar präsentiert.

Oft würden Schulbücher als „reine Informationsquellen“ gesehen. Meinungen und Wertigkeiten spielen dort laut Hager aber eine nicht zu unterschätzende Rolle - etwa wenn die klassischen Schulbuchinhalte mit Ausschnitten aus Zeitungsartikeln oder -interviews aufgelockert werden. Gerade bei einem 2012/13 aktuellen Thema, wie der EU-Osterweiterung in Richtung Türkei, entstand so in einigen Büchern der Eindruck, dass die EU und die Türkei miteinander nicht kompatibel wären.

Die Tagung „under.docs“ zum Thema „Partizipation in Geschichte und Gegenwart“ wird von einem Verein zur Förderung von Nachwuchsforschern organisiert.

(S E R V I C E - Die Tagung im Internet; http://underdocs.univie.ac.at)