Nicht von heute: Der Roman „Vor hundert Jahren und einem Sommer“

Wien (APA) - Er hat es wieder getan. Der 1966 geborene Vorarlberger Jürgen-Thomas Ernst, der in seinem Debütroman „Anima“ über einen Hohenem...

Wien (APA) - Er hat es wieder getan. Der 1966 geborene Vorarlberger Jürgen-Thomas Ernst, der in seinem Debütroman „Anima“ über einen Hohenemser Wunderläufer des 19. Jahrhunderts einen altertümlichen Erzählton anschlug, versucht auch in seinem neuen Roman, sprachlich seinem Stoff gerecht zu werden. Er spielt „Vor hundert Jahren und einem Sommer“ und wirkt in jeder Hinsicht ganz aus der Zeit gefallen.

Das im Braumüller Literaturverlag erschienene Buch, das heute Nachmittag (16.15 Uhr) im Literaturcafe auf der Buch Wien und am 19. November in der Alten Schmiede in Wien präsentiert wird, könnte ein Fundstück aus dem verstaubten Winkel einer kleinen Gemeindebibliothek sein: Die abenteuerliche Geschichte zweier Außenseiter in einem „Dorf der Kirschen“ ist voller Leiden und Emotionen und aus jenem Holz geschnitzt, mit dem man seinen Lesern anno dazumal einheizte. Dem Ausgeliefertsein von Schicksal, Natur und Mitmenschen stellt man sich nur entgegen, wenn man etwas ganz Besonderes ist. Annemie und Jonathan sind etwas Besonderes.

Beide sind Pflegekinder, die von einem alten Ehepaar in einem Dorf unter großen Entbehrungen aufgezogen werden - eine letzte Überlebensmöglichkeit für Kinder, die in Unehelichkeit oder Armut geboren werden und sonst von Hunger und Krankheit in kurzer Zeit hinweggerafft würden.

Das Mädchen, intensiv jener Natur verbunden, die in detailreichen, immer wiederkehrenden Bildern dem Roman eine Struktur gibt, hat Fähigkeiten, die sie bald zur argwöhnisch beäugten „Hexe“ machen: Sie überlebt den ansonsten tödlichen Genuss von Eibensamen, sie hört Neugeborenen-Schreie kilometerweit, sie spürt instinktiv, welche Mittel Mensch und Natur guttun. Doch bald lernt sie, diese Gaben zu unterdrücken, will sie in der Gemeinschaft überleben. Der Bub hingegen fühlt sich vom fahrenden Volk angezogen, das immer wieder eine Ahnung von der großen weiten Welt ins hinterste Tal bringt. Beim Versuch, sich auch als Seiltänzer zu betätigen, stürzt er ab und wird lange Zeit zum Krüppel. Das verhindert freilich später nicht, dass auch er als Soldat in den Ersten Weltkrieg muss.

„Vor hundert Jahren und einem Sommer“ ist - auf nahezu 500 Seiten - voller Wiederholungen, aber auch voller überraschender Episoden. Der Roman führt immer wieder in den Süden, auf Seidenraupenplantagen oder auf eine Insel, auf der Kriegsgefangene in eine Schlucht gestoßen werden. Er lässt Goldschätze auftauchen und die Elektrizität Einzug halten, er konfrontiert mit dem unerforschlichen Wirken eines „Experimenteurs“ und mit dem zielstrebigen Unternehmergeist der beiden Hauptfiguren, die in Glashäusern Kirschbäume im Winter zum Blühen bringen.

„Vor hundert Jahren und einem Sommer“ ist als großes Märchen angelegt, als Außenseiter-Epos, das es mit „Das Parfum“ aufzunehmen sucht und dessen Episoden geradezu nach einer Verfilmung von Reinhold Bilgeri oder Joseph Vilsmaier zu betteln scheinen. An Farben, Bildern und Gefühlen wird nicht gespart. Bei aller Überpräsenz der launenhaften Natur, der deutlich herausgearbeiteten Grausamkeit und Gleichgültigkeit der Menschen, erstaunt jedoch die fast völlige Absenz von Gott.

Die Kirche spielt hier eine deutlich geringere Rolle als die Kirsche. Das könnte ein interessanter Ansatz sein, vom dörflichen Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus heutiger Perspektive zu erzählen, allein der Erzählduktus spricht eine andere, deutliche Sprache. Jürgen-Thomas Ernst bedient sich einer sprachlichen Camouflage, die einem Rätsel aufgibt. Und die einem am Ende mit einem deutlichen Völlegefühl zurücklässt. Auch die besten Kirschen sollte man mit Bedacht genießen. Denn rasch wandelt sich Überfluss in Überdruss.

(S E R V I C E - „Vor hundert Jahren und einem Sommer“ von Jürgen-Thomas Ernst, Braumüller, 480 S., 23,90 Euro. Am 19. November, 19 Uhr, in der Alten Schmiede, Wien 1, Schönlaterngasse 9)