Wissenstransfer für Entwicklungsländer in Kinder-Gesichtschirurgie

Wien (APA) - Allein in Indien kommen pro Jahr rund 45.000 Babys mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte zur Welt. Ein internationales Netzwerk ...

Wien (APA) - Allein in Indien kommen pro Jahr rund 45.000 Babys mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte zur Welt. Ein internationales Netzwerk von Spezialisten bemüht sich speziell um Wissenstransfer, um Kindern mit schwersten Missbildungen und Wachstumsstörungen im Gesichtsbereich in Ländern der Dritten und Vierten Welt zu helfen. Am Freitag startete dazu ein Symposium im Wiener Billrothhaus.

„Wir haben einen Rückstand von rund 15 Jahren. In Indien gab es ehemals landesweit nur zehn Zentren, die sich mit der häufigsten Missbildung im Gesichtsbereich, der Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, beschäftigten. Aber eines von 1.000 Kindern weist dieses Problem auf - und bei einer wachsenden Bevölkerung steigt auch die Zahl der Fälle in unserem Land“, sagte der indische Experte Gosla Reddy am Freitag bei einer Pressekonferenz in Wien. Noch immer hätten 90 Prozent der Menschen in seinem Land keinen adäquaten Zugang zu medizinischer Versorgung. Da sei es extrem wichtig, möglichst effizient Hilfe zu leisten.

Die einzige Möglichkeit, eine medizinische Betreuung auch in der Kinder-Gesichtschirurgie in Staaten wie Indien aufzubauen, besteht im Wissenstransfer. Dem widmet sich ein Netzwerk von Plastischen Chirurgen, Mund-Kiefer- und Gesichtschirurgen und HNO-Experten aus Europa, den USA und Asien, die an diesem Wochenende die neuesten Techniken auf ihrem Gebiet diskutieren.

Eine immer größere Rolle spielt dabei die „regenerative“ plastische Chirurgie, mit deren Weiterentwicklung sich der Wiener Kieferchirurg Kurt Vinzenz (Evangelisches Krankenhaus) seit Jahren beschäftigt. Durch Eigenimplantate von Knochenteilen und ihre spätere Dehnung am Ort, wo sie eingesetzt worden sind, lassen sich Knochenstrukturen fast „beliebig“ formen.

Verwendet werden kann das zum Beispiel auch bei Kindern in Entwicklungsländern nach lebensgefährlichen Noma-Infektionen. Noma ist eine bakterielle Erkrankung, die vor allem in Afrika durch Mangelernährung geschwächte Kinder im Alter unter sechs Jahren befällt. Dabei frisst ein Geschwür, das oft an den Wangen beginnt, binnen drei bis vier Wochen das Gesicht mit Weichteilen, Kiefer und anderen Knochenanteilen buchstäblich weg. Der Wiederaufbau quasi der „tragenden Teile“ der Gesichtsstrukturen mittels der regenerativen plastischen Chirurgie bringt erst nachhaltigen Erfolg.

In den Entwicklungsländern gibt es aber auch noch viele andere Probleme, mit denen die plastische und die rekonstruktive Chirurgie für Kinder konfrontiert ist. „Häufig sind dort auch schwere Brandverletzungen, weil oft noch am offenen Feuer gekocht wird“, sagte Mimis Cohen, Plastischer Chirurg aus Chicago. Die Gesichtschirurgen können jedenfalls für viele ihrer jungen Patienten Entscheidendes bewirken. Reddy sagte: „Durch das einfache Schließen einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte verändert man das Leben der Betroffenen völlig.“