Flüchtlinge - Zaun als Crowd Management: Experte mit Kritik

Wien (APA) - Die Frage, wie große Menschenströme in sehr kurzer Zeit zu bewältigen sind, beschäftigen jeden Veranstalter von Großevents welt...

Wien (APA) - Die Frage, wie große Menschenströme in sehr kurzer Zeit zu bewältigen sind, beschäftigen jeden Veranstalter von Großevents weltweit. Crowd Management heißt das Schlagwort dazu, Expertise dazu wäre in Hülle und Fülle vorhanden. Doch nach Ansicht des Kriminalsoziologen Reinhard Kreissl wurde dieses Wissen „offensichtlich nicht nachgefragt vom BMI“.

„Ihnen fällt beim Thema Crowd Management nur das Wort Zaun ein“, sagte Kreissl, CEO des Vienna Centers for Societal Security (VICESSE), am Freitag im Gespräch mit der APA. Der Experte wies darauf hin, dass entsprechendes Wissen in Hülle und Fülle vorhanden wäre, auch in Österreich. So gäbe es etwa beim Sicherheitsforschungs-Programm KIRAS, angesiedelt im Verkehrs- und Infrastrukturministerium, entsprechende Forschungsprojekte. Nur national wurden im Rahmen von KIRAS in den Jahren 2008 bis 2013 sieben solcher Projekte in dem Bereich ins Leben gerufen - von der Analyse von Bewegungsströmen mit verschiedenen Methoden bis hin zur luftgestützten Sicherheitsplanung von Großveranstaltungen und zum ebenso luftgestützten Beobachtungs- und Analysesystem für Krisensituationen mit videobasierter Verhaltensanalyse. Und auf europäischer Ebene gäbe es laut dem Kriminalsoziologen noch deutlich mehr solcher Projekte.

Weltweit eine der größten Herausforderungen ist die Bewältigung der Besucherströme jedes Jahr bei der muslimischen Pilgerfahrt in Mekka, der Hadsch. Dabei geht es um mehrere Millionen Menschen zur selben Zeit bei baulich alles andere als perfekten Voraussetzungen, wie erst heuer wieder schmerzlich bei einer Massenpanik mit mehr als 2.000 Toten bei der rituellen Teufelssteinigung in Mina zu beobachten war. Obwohl es sich derzeit wohl nicht gerade um das beste Beispiel für reibungsloses Crowd Management handelt, haben die saudi-arabischen Hüter der heiligen Pilgerstätten ihre diesbezüglichen Konzepte über Jahrzehnte hinweg weiterentwickelt und den massiv wachsenden Pilgerströmen immer wieder angepasst.

Dieses vorhandene Wissen dürfte die politisch Verantwortlichen in Österreich im Umgang mit den Flüchtlingen an der Grenze Kreissl zufolge nicht interessieren: „Der Rückgriff auf vorhandenes Wissen findet nicht statt“, konstatierte der Wissenschafter. Stattdessen gehe man nach dem Motto vor: „Was könnt ma denn machen?“ Es gehe um die „Blindheit, Unempfindlichkeit, Unfähigkeit - man kann es nennen, wie man will -“, vorhandenes Wissen außerhalb eines engen Korsetts zu nutzen. „Ich verwette meinen A.... darauf, dass ein bestimmtes privates Sicherheitsunternehmen am Ende wieder einen Auftrag kriegt“, vermutete er aufgrund seiner Meinung nach gängiger Vorgehensweisen im Innenressort.

Es gehe nicht um die Sache, meinte Kreissl. „Wenn ich einen Garten anlegen will, setze ich mich auch nicht in den Rasen. Ich kaufe ein Buch, google im Internet, frage jemanden, wie geht das. Und dieser Prozess findet hier nicht statt.“ Die einfache Frage würde lauten: „Was gibt‘s denn schon?“