BND-Mitarbeiter soll jahrelang für die USA spioniert haben

München/Washington/Moskau (AFP) - Es klingt wie ein Spionagethriller, wie es ihn in Deutschland lange nicht gegeben hat. Ein junger Mitarbei...

München/Washington/Moskau (AFP) - Es klingt wie ein Spionagethriller, wie es ihn in Deutschland lange nicht gegeben hat. Ein junger Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND) spionierte zuerst mehrere Jahre für die USA und diente sich danach auch noch Russland an.

Doch was so tollkühn und auch größenwahnsinnig klingt, könnte am Ende das Werk eines eher unbedarften Mannes sein - und diesem mit gerade 32 Jahren die Zukunft verbaut haben.

Markus R. ist die Hauptfigur des Prozesses, der am Montag unter strengsten Sicherheits- und Geheimhaltungsbedingungen vor dem Oberlandesgericht München beginnt. Wer etwa als Journalist in den Gerichtssaal will, darf nicht einmal einen Kugelschreiber, geschweige denn Computer mit in den Saal nehmen. Notizen sind nur per Bleistift auf Papier erlaubt.

Dem angeklagten ehemaligen BND-Mitarbeiter wird von der Bundesanwaltschaft Landesverrat, Bestechlichkeit und Verletzung des Dienstgeheimnisses vorgeworfen. Wird er in dem bis März nächsten Jahres angesetzten Verfahren verurteilt, drohen ihm viele Jahre im Gefängnis.

R. begann laut den bisher bekannten Details der noch geheim gehaltenen Anklageschrift im Mai 2008 mit seiner Spionagetätigkeit für den US-Geheimdienst CIA. Da war er noch nicht einmal 25 Jahre alt und erst seit wenigen Monaten im Dienst des BND. Der Job, den R. beim deutschen Auslandsgeheimdienst hatte, ist wenig spektakulär. R. verwaltete ein- und ausgehende Post und war mit der Registratur von Verschlusssachen befasst.

Doch in diesem Job konnte er auf Dokumente mit Brisanz zugreifen. Per E-Mail soll er den Kontakt zur CIA hergestellt haben. Medienberichten zufolge übermittelte er binnen sechs Jahren mindestens 218 Dokumente.

Darunter soll zum Teil äußerst brisantes Material wie grundlegende Spionagekonzepte des BND oder für den BND peinliche Ausspähaktionen wie ein abgehörtes Telefonat zwischen dem früheren UNO-Generalsekretär Kofi Annan und der damaligen US-Außenministerin Hillary Clinton gewesen sein. 95.000 Euro Agentenlohn soll R. über die Jahre kassiert haben.

Der BND will sich nicht zu den Dokumenten äußern. Womöglich würde der umfassend geständige R. noch heute weitermachen, wenn er nicht einen entscheidenden Fehler gemacht hätte. Mitte vergangenen Jahres schickte er privat ein E-Mail mit drei vertraulichen BND-Dokumenten an das russische Generalkonsulat in München und bot sich als Informant an.

Doch die interne Gegenspionage des BND fing das Mail ab, R. wurde festgenommen. Direkt danach gestand er seine Tätigkeit für die CIA - die Ermittler hatten davon bis dahin keine Ahnung.

Trotz dieser umfassenden Spionage sagt der Verteidiger von R., Klaus Schroth, über seinen Mandanten: „Er ist kein Topspion.“ Schroth, der schon den früheren DDR-Spion Rainer Rupp alias „Topas“ verteidigt hatte, sieht bei seinem Mandanten im Gegenteil ein hohes Maß an „Unbeholfenheit“. Nach einem Impfschaden als Kleinkind habe R. Koordinationsschwierigkeiten, auch seine Sprache sei „ein bisschen gehemmt“.

Der Verteidiger ließ im Vorfeld des Verfahrens ein psychiatrisches Gutachten von seinem Mandanten einholen. Mit dessen Hilfe will Schroth erreichen, dass der schwerwiegende Vorwurf des Landesverrats wegen der Persönlichkeit des Angeklagten zur milder bestraften Geheimdienstlichen Agententätigkeit wird.

Ob es dazu kommt, dürfte wohl auch daran liegen, wie die Geheimdokumente bewertet werden, die R. weitergegeben hat. Sollten sie als hochbrisant eingestuft werden, dürften den Angeklagten seine vom Verteidiger dargestellten Defizite kaum schützen.