Flüchtlinge - UNHCR: Nur Kriegsende in Syrien kann den Strom stoppen

Wien/Genf (APA) - Die Politik, also der Krieg in Syrien, hat den aktuellen Flüchtlingsstrom ausgelöst und nur die Politik kann diesen wieder...

Wien/Genf (APA) - Die Politik, also der Krieg in Syrien, hat den aktuellen Flüchtlingsstrom ausgelöst und nur die Politik kann diesen wieder zum Versiegen bringen - indem der Krieg beendet wird. Andere Maßnahmen wie die Sperre der Grenzen oder der Bau von Zäunen, werden die Menschen nicht davon abhalten, Sicherheit in Europa zu suchen, sagte UNHCR-Sprecherin Melita Sunjic am Freitag im Gespräch mit Journalisten.

Ein Zaun werde auch niemanden abschrecken, denn „die Menschen kommen nicht, weil der Grenzübergang in Österreich so schön ist“. Die symbolische Bedeutung wäre wohl nach innen - in Europa - stärker als in den Herkunftsländern der Flüchtlinge. Auch müsse man trotz Zauns nach geltendem Recht jeden Schutzsuchenden ins Land lassen. Das was Ungarn macht, „ist nicht rechtens“. Klagen laufen bereits, hob Sunjic hervor. Etwas Druck könnte die EU noch herausnehmen, wenn man die vier Mio. Flüchtlinge in den Nachbarländern Syriens, in der Türkei, im Libanon und in Jordanien, ordentlich versorgt. Dafür hätte das UNHCR 2,5 Mrd. Dollar (2,33 Mrd. Euro) pro Jahr veranschlagt - aber nur 40 Prozent davon bekommen.

„Wir gehen nicht davon aus, dass die Flüchtlingszahlen im nächsten Jahr zurückgehen werden“, sagt Sunjic, auch wenn eine genaue Prognose nicht möglich sei. Die Politik müsse sich darauf einstellen, diese Situation zu „managen“. Selbst wenn nun 800.000 Menschen nach Europa kommen sollten, so sei dies aus Sicht der Hilfsorganisation „nicht die größte Zahl, die wir kennen“, wie UNHCR-Österreich-Sprecherin Ruth Schöffl im gemeinsamen Pressegespräch auf Einladung der AEJ (Vereinigung der Europajournalisten) ergänzte. Im Nahen Osten gebe es einzelne Flüchtlingslager mit hunderttausenden Menschen.

„Ich sehe eine unglaubliche Kurzsichtigkeit der Politik - zeitlich und geografisch“ fasst dies Sunjic zusammen. „Man glaubt, wenn man die Augen zumacht, dann zieht es vorbei“. Beispielsweise warne das UNHCR seit Juli davor, dass der Winter kommt - und jetzt sei man überrascht, dass es kalt wird und entsprechende Herausforderungen vor der Tür stehen. Wenn die Prognosen stimmen und nicht noch Quartiere gefunden werden, könnte in Österreich eine Lücke von 20.000 bis 30.000 Unterkünften entstehen, schätzt Schöffl.

Merkels Ansage, Deutschland könne 800.000 Menschen aufnehmen, habe zwar eindeutig nicht den Flüchtlingsstrom ausgelöst, betont Sunjic. Die Menschen waren schon davor unterwegs und der Krieg lässt sie ihre Heimat verlassen. Merkel habe aber die Richtung auf Deutschland fokussiert. Das UNHCR plädiere sehr dafür, dass sich Europa auf eine gerechte Verteilung der Flüchtlinge einigt. Dann würden sich 800.000 Menschen auf „den reichsten und stabilsten Wirtschaftsraum der Welt mit 500 Millionen Menschen“ aufteilen - eine handhabbare Aufgabe.

Parallel sehe man eine dramatische Veränderung in der Zusammensetzung der Flüchtlinge. Waren es am Anfang noch vor allem junge Männer, und im September zu 27 Prozent Kindern, so kamen im Oktober 40 Prozent Kinder - und teilweise drei Generationen einer Familie.

Der Durchfluss von Griechenland bis in die Zielländer der Asylsuchenden sei als „Pipeline“ gut etabliert, sagt Sunjic. Dass eines der betroffenen Länder die Grenzen dicht macht „ist ein Szenario vor dem wir uns fürchten“, in zwei Fällen (als die Grenzen von Ungarn bzw. Kroatien geschlossen wurden) habe man kurzfristig schon miterlebt, was für katastrophale Umstände innerhalb kürzester Zeit entstehen. Sunjic hatte damals die Lage im serbischen Berkasovo als „Vorhof zur Hölle“ bezeichnet.

~ WEB http://www.unhcr.org ~ APA330 2015-11-13/13:33