Gesundheit

Die Sprachlosigkeit besiegen

Nach einem Schlaganfall können viele Betroffene ihre Gedanken nicht mehr in Worte fassen.
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Viele Betroffene leiden nach einem Schlaganfall zumindest vorübergehend an einer Sprachstörung. Neue Studienergebnisse zeigen, dass Intensivtraining helfen kann.

Von Theresa Mair

Innsbruck –Einschlafen und in einem fremden Land wieder aufwachen. So in etwa könnte es sein. Oder man sitzt plötzlich hinter Glas und bekommt zwar mit, was die anderen sagen, die eigenen Gedanken dringen aber nicht nach außen. Unmittelbar nach einem Schlaganfall ergeht es 30 bis 40 Prozent der Betroffenen so. Sie leiden an einer Aphasie. Das ist der Fachbegriff für eine so genannte erworbene Sprachstörung infolge einer Schädigung des Gehirns.

Doch die Wissenschaft beschäftigt sich intensiv mit diesem Thema: Das wurde im Rahmen der Jahrestagung der deutschen Gesellschaft für Aphasieforschung und -behandlung (GAB) an der FH Gesundheit in Innsbruck deutlich. Das Sprachzentrum – die so genannte perisylvische Region – befindet sich bei den allermeisten Menschen in der linken Gehirnhälfte, ungefähr in der Höhe des Ohrs. Bei manchen, häufig z. B. bei Linkshändern, sei das Gehirn aber auch spiegelbildlich ausgerichtet, das Sprachzentrum also in der rechten Gehirnhälfte.

„Wenn nun durch eine Gefäßschädigung – Verstopfung oder Blutgerinnsel – diese Region von der Blut- und damit Sauerstoffversorgung abgeschnitten wird, ist eine Aphasie die Folge“ weiß Caterina Breitenstein, GAB-Vorstandsmitglied.

Dass man sich die Versorgung des Gehirns wie einen Baum vorstellen kann, betonte Annette Baumgärtner – kognitive Neurowissenschafterin, Logopädin und GAB-Vorsitzende. „Wenn eine Ablagerung oder Gerinnsel ein Blutgefäß im Stamm blockiert, dann werden auch die Äste, also alle davon versorgten Hirn­areale nicht mehr durchblutet.“ Das Hindernis könne aber auch zufällig genau in dem Ast stecken bleiben, der für die perisylvische Region zuständig ist.

Das ist aber noch nicht alles: Je nach der Schwere des Schlaganfalls kann die Sprachstörung alle Ebenen der Sprache betreffen – angefangen bei den einzelnen Lauten über einzelne Wörter bis hin zu Problemen bei der Satzbildung und beim Textverständnis. Manche Patienten hätten dadurch nicht nur Probleme mit der Artikulation von Lauten und der Wortfindung, sondern müssten auch das Lesen und Schreiben neu erlernen.

„Das Denkvermögen der Betroffenen ist in der Regel nicht beeinträchtigt. Das ist wichtig. Die Betroffenen haben aber kein Medium mehr, um ihre Gedanken auszudrücken“, betont Breitenstein.

Wenn man den Patienten zum Beispiel eine Zahnbürste in die Hand gebe, wüssten sie, was damit zu tun sei. Das Wort Zahnbürste kennen sie aber nicht mehr. Die Bedeutung eines Objekts ist den Betroffenen also bekannt, seine Benennung bereite aber Probleme.

Bestimmt kann sich jeder vorstellen, wie belastend eine Aphasie für Schlaganfallpatienten und auch für deren Angehörige ist. „Die Betroffenen ziehen sich oft zurück und leiden unter Isolation“, sagt Baumgärtner.

Doch es besteht Hoffnung: Etwa die Hälfte der Patienten finde innerhalb von sechs Monaten nach dem Schlaganfall wieder von alleine zu ihrer Sprache zurück. Für die andere Hälfte der Patienten sind die Ergebnisse der ersten großangelegten kontrollierten klinischen Studie der GAB, die mit 156 Teilnehmern von 2012 bis 2015 lief, sehr ermutigend.

„Nach einem dreiwöchigen intensiven Sprachtraining zeigten zwei Drittel der Teilnehmer bessere Kommunikationsfähigkeit im Alltag; bei einem Drittel trat keine Verbesserung ein. Patienten und ihre Angehörigen berichteten außerdem, dass sich ihre gesundheitsbezogene Lebensqualität erheblich verbessert hat. Das ist eine extrem hohe Responder-Rate“, sagt Baumgärtner.

Ein überraschendes Resultat sei zudem, dass die Verbesserung unabhängig davon eingetreten sei, wie lange der Schlaganfall zurücklag. „Die Studie ist nur mit Teilnehmern durchgeführt worden, bei denen das Ereignis bereits länger als sechs Monate her und daher keine spontane Besserung mehr in Aussicht war“, sagt Breitenstein.

„Für den Erfolg war es aber unerheblich, ob der Schlaganfall bereits vor Jahren passiert ist oder erst vor einem halben Jahr. Man kann immer profitieren. Wichtig für die Verbesserung ist allerdings ein intensives Training“, schildert Baumgärtner. Intensiv, das heiße, über drei bis vier Wochen hinweg täglich mindestens eine Stunde zu üben.

Ein erfreulicher Effekt ist auch, dass die Patienten durch die regelmäßige Übung ihre Hemmungen verlieren und wieder Mut fassen würden. „Das Selbstvertrauen steigt, die soziale Isolation fällt und man spricht wieder mehr. Häufiges Sprechen wiederum ist gut für die Sprach­erholung“, schließt sich für Breitenstein der Kreis wieder.

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