Wirtschaftspolitik

Finnland sieht sich als der neue kranke Mann Europas

Straßen-Szene in Helsinki während des Wahlkampfes im Frühjahr 2015.
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2015 wird das vierte Rezessionsjahr in Folge. Finnlands Wirtschaft fällt heuer sogar hinter Griechenland zurück.

Helsinki – In Finnland schrillen nach den jüngsten Konjunkturzahlen die Alarmsirenen. Mit einem um 0,6 Prozent schrumpfenden Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Sommer bilden die Skandinavier das Schlusslicht in der Eurozone - noch hinter Griechenland.

2015 wird wohl das vierte Rezessionsjahr in Folge sein. Ministerpräsident Juha Sipilä befürchtet nun das Schlimmste und stimmt seine Bevölkerung auf einen harten Sparkurs ein. Auch wenn die Staatsverschuldung im europäischen Vergleich noch moderat ist, hat er Angst davor, dass Finnland das Etikett „nächstes Griechenland“ angehängt werden könnte.

Das Land im hohen Norden leidet darunter, dass der einstige Star der IT-Industrie Nokia an Strahlkraft verloren hat und der Nachbar Russland mit der Rezession kämpft. Dazu kommt, dass die wichtige Papierindustrie unter der rückläufigen Nachfrage durch die zunehmende Digitalisierung leidet. Finanzminister Alexander Stubb brachte es jüngst auf den Punkt: „Eigentlich sind wir der neue kranke Mann Europas.“

Die relativ hohen Löhne in dem einstigen skandinavischen Musterland nagen an der Wettbewerbsfähigkeit. Die Staatsverschuldung steigt und die Arbeitslosigkeit nähert sich der für nordische Verhältnisse ungewöhnlich hohen Marke von zehn Prozent. Ein großes Zukunftsproblem rollt zudem durch die schnell alternde Bevölkerung auf das Land zu: Nach Modellrechnungen des Europäischen Statistikamtes werden bereits in fünf Jahren auf 100 Erwerbsfähige im Durchschnitt 35,8 Menschen im Alter von mindestens 65 Jahren kommen. Damit wäre Finnland auch in dieser Hinsicht Schlusslicht in Europa.

Die Regierung drängt nun auf moderate Lohnabschlüsse, um so die Kosten der Unternehmen im Rahmen zu halten und die Exportchancen für Produkte „Made in Finland“ zu erhöhen. Der Regierungschef will zudem Feiertage streichen und im öffentlichen Dienst sogar Gehälter kürzen, stößt damit aber auf erbitterten Widerstand in der Bevölkerung. Streiks und Proteste sind mittlerweile an der Tagesordnung.

Aus Sipiläs eigenem politischen Lager wurden angesichts der düsteren wirtschaftliche Lage sogar Rufe laut, den Euro abzuschaffen. Das Kalkül dahinter lautet: Dann könne sich Finnland mit einer Abwertung seiner Währung in Sachen Wettbewerbsfähigkeit Luft verschaffen, da sich seine Exportgüter verbilligten. Für das Volk ist ein Euro-Austritt laut Umfragen jedoch kein Thema. (Reuters, APA)

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