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Die geschlitzte Nase ist er uns wert

Der Talisman kommt im März als Stufenhecklimousine in den Handel, der Kombi Grandtour folgt im Mai. Ein Coupé wird es nach jetzigem Stand nicht geben, Allrad ebenso wenig.
© Hersteller

Der neue Renault Talisman weckt die Neugier über Gebühr: Sein Name ist extravagant, sein klassisches Karosseriedesign strahlt Frische aus, seine Verarbeitung widerspricht überkommenen Klischees.

Von Markus Höscheler

Fiesole –Wer es genau wissen will, geht möglicherweise ein Risiko ein – etwa wie Jack Nicholson, der in dem 70er-Jahre-Film „Chinatown“ die Hintergründe einer Wasserleiche aufklären möchte, dabei auf wirtschaftskriminelle Machenschaften stößt und dem Widersacher einen Nasenflügel aufschlitzt, um ihn zu warnen. Neugier bringt Gefahren mit sich, aber auch neues Wissen. Warum, so fragen wir uns, hat sich Renault entschieden, seine neueste Kreation als Talisman zu bezeichnen? Wieso hat es der französische Hersteller ausgerechnet auf ein Segment – die Mittelklasse – abgesehen, das seit zehn Jahren im Siechtum begriffen ist? Und weshalb – schließlich – soll die Kundschaft ausgerechnet das neue Produkt kaufen, wo die Konkurrenz doch schon so gut aufgestellt ist?

Erhellend beim ersten Aspekt, den Namen betreffend, ist die Aussage des Presseteams anlässlich der Fahrpräsentation der 4,85 Meter langen Stufenhecklimousine. Mehrfach ertönt der Hinweis, dass es sich beim Talisman keinesfalls um den Nachfolger des Laguna oder der Latitude handle. Mit beiden Modellreihen ging Renault baden, zumindest hinsichtlich der Erwartungen. Das Glück war dem Produzenten in diesem Bereich folglich nicht hold, das Feld zu räumen kam aber für das traditionsreiche Unternehmen nicht in Frage. Eine neue Bezeichnung sollte Verbrauchtes beiseiteschaffen – und Renault gab sich zuletzt erfindungsreich bei Namen, wie Captur und Kadjar dokumentieren.

Relativ zu sehen, ist der zweite Themenbereich: Die Mittelklasse verliert zwar an Zuspruch, sie gilt aber weiterhin als drittwichtigstes Segment, steht samt verschiedener Karosserievarianten für 13 Prozent des europäischen Gesamtmarktes, in absoluten Zahlen für 1,7 Millionen Fahrzeuge jährlich. Da kann ein Volumenhersteller keinesfalls tatenlos zusehen, wenn es diesen Status beibehalten will.

Opfer galt es gleichwohl zu bringen: Den Talisman wird es laut Renault nicht als Coupé geben, der Laguna hatte noch eines. Und ausgerechnet von diesem Zweitürer übernimmt er eine technische Errungenschaft, die den Neuling von der Mittelklasse-Masse abhebt und damit dem Interessenten einen Mehrwert verspricht: die Allradlenkung 4Control. Bei eher moderaten Tempi bewegen sich die Hinterräder gegenläufig zur Vorderachse bei einem Richtungswechsel, bei höheren Geschwindigkeiten lenken sie (mit geringem Winkel) gleichsinnig mit. Im ersten Fall nimmt die Wendigkeit zu, im zweiten Fall die Fahrstabilität.

Die 4Control allein böte jedoch zu wenig Argumentatives für die Aneignung des Talisman – er hat außen wie innen mehr Überzeugendes auf der Kante. Was das Außenkleid angeht, lehnt sich die Limousine wenig überraschend an der Formensprache an, die Designchef Laurens van den Acker seit der Einführung der neuen Clio-Generation im Jahr 2012 kontinentalweit predigt: großer Marken-Rhombus mittig im sehr breit gezeichneten Kühlergrill platziert, daran seitlich nahtlos angehängt die Frontscheinwerfer. Die Motorhaube ist lang gezogen (obwohl die Aggregate nur quer eingebaut sind), um dem Viertürer ein stattliches Auftreten zu ermöglichen. Die Dachlinie fällt hinten elegant coupéhaft ab, der Heckabschluss ist auf den ersten Blick eher konservativ gehalten, die Heckleuchten stehen diesem Eindruck allerdings mit ihrer schmalen Breitenwirkung entgegen.

Tunlichst verzichtet Renault darauf, den Talisman mit bloßem äußeren Blendwerk zu versehen – die Verantwortlichen für den Innenraum durften sich austoben, das zeigen die ersten Fahrzeuge, die in der Toskana zum Probefahren bereitstanden. Auffällig ist der hohe Anteil an digitalen Displays, insbesondere der 8,7 Zoll große Touchscreen, der hochkant die Mittelkonsole dominiert. Seine Bedienung will erobert werden, die hohe Auflösung, die Vielfalt der Funktionen und die Aufgeräumtheit des Cockpits sind die Mühe jedoch wert.

Besonderen Eindruck hinterlässt das Multi-Sense-System, das teilweise die Para­meter der Fahrdynamik verändert, teilweise das Ambiente im Innenraum. Fünf Programme sind enthalten, sie reichen von Sport bis zu Comfort. Die Unterschiede sind spürbar, der Talisman beherrscht ein weites Spektrum. Das will er mit dem Angebot an fünf Motoren beweisen: Drei Diesel leisten 110, 130 beziehungsweise 160 PS, der stärkste ist doppelt aufgeladen. Dazu gibt es zwei Benziner mit 150 und 200 PS, beide mit einer Siebengang-Doppelkupplung garniert. Am sparsamsten manövriert der 110-PS-Selbstzünder durchs Straßengeflecht, auf dem Prüfstand kann er mit 3,6 Litern Treibstoffverbrauch je 100 Kilometer glänzen (CO2: 95 g/km).

Im März geht der Talisman als Limousine an den Start, zur Verfügung stehen ihm mit Zen, Intens und Initiale Paris drei Ausstattungslinien. Bereits im Basismodell verrichten eine Zweizonen-Klimaautomatik, ein Navigationssystem mit Sieben-Zoll-Bildschirm und ein Regensensor ihre Arbeit – mit 110-PS-Diesel gibt es diese Konfiguration ab 27.990 Euro. Intens lockt unter anderem mit Voll-LED-Scheinwerfern, Initiale Paris mit oben erwähntem 8,7-Zoll-Bildschirm. Für ganz Neugierige wird übrigens der Mai 2016 interessant – dann startet der Talisman Grandtour, ab 29.390 Euro.

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