Paris-Terror - „Das ist Schlimmer als Charlie Hebdo“

Paris (APA/AFP) - Angst und Entsetzen sind zurück in Paris. Sirenengeheul und Blaulicht beherrschen die französische Hauptstadt, Straßen sin...

Paris (APA/AFP) - Angst und Entsetzen sind zurück in Paris. Sirenengeheul und Blaulicht beherrschen die französische Hauptstadt, Straßen sind abgeriegelt, verzweifelte Menschen hoffen auf Nachrichten von Angehörigen oder Freunden. Apokalyptische Szenen spielen sich an diesem Freitagabend an mehreren Orten der Stadt ab, die von einer schweren Anschlagsserie erschüttert wird.

Mindestens 120 Menschen, wenn nicht sogar mehr als 150 werden bei Schießereien, Explosionen und einer Geiselnahme getötet, Dutzende verletzt. Noch ist unklar, wer hinter den Attentaten steckt. Chaos herrscht.

„Das ist schlimmer als Charlie Hebdo“, sagt ein Mitglied der Sicherheitskräfte. Der Mann steht in der Nähe der Konzerthalle Bataclan im Stadtzentrum, die nur wenige Minuten entfernt liegt von den ehemaligen Redaktionsräumen der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“, die Islamisten im Jänner attackiert hatten. Zwölf Menschen wurden bei dem Angriff damals getötet, ein weiterer Extremist nahm dann in einem jüdischen Supermarkt Geiseln und tötete insgesamt fünf Menschen.

Jetzt ist die Konzerthalle im 11. Arrondissement der Ort einer blutigen Geiselnahme. „Die Typen sind gekommen, sie haben am Eingang begonnen zu schießen“, berichtet ein Augenzeuge dem Sender France Info. „Sie haben voll in die Menge geschossen und gerufen ‚Allah Akbar‘, mit Pump Guns, glaube ich.“ Der Mann kann mit seiner Mutter durch einen Notausgang flüchten, wie er erzählt. „Wir sind über Leichen gestiegen, das ist ein Alptraum.“

Für die zurückgebliebenen Besucher des Konzertes der US-Rockband Eagles Of Death Metal, das mit 1.500 Plätzen ausverkauft war, geht der Alptraum weiter. Die Attentäter nehmen Geiseln, die Polizei stürmt in der Nacht die Konzerthalle, am Ende werden allein von dort etwa 100 Tote gemeldet.

An anderen Stellen der Hauptstadt schießen unbekannte Täter auf Menschen. Am Stade de France, wo der Fußballklassiker Deutschland-Frankreich ausgetragen wird, kommt es unterdessen zu schweren Explosionen. Mindestens ein Selbstmordattentäter sprengt sich an dem Stadion im Norden von Paris in die Luft. Dort werden mindestens fünf Menschen getötet.

„Wir haben die Explosionen gehört“, sagt Ludovic Klein. Die Spieler schauten sich kurz irritiert um, spielten dann aber weiter. „Es ist normal weitergegangen“, sagt der 37-Jährige aus Limoges, der mit seinem Sohn das Spiel anschaute. „Ich dachte an einen Scherz.“ Staatspräsident Francois Hollande, der zunächst auf der Tribüne neben dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier die Partie verfolgt, wird evakuiert. Da erst wird vielen klar, dass etwas passiert sein muss.

Andere denken zunächst an Feuerwerk, als in einem anderen Stadtteil Schüsse fallen. „Wir haben Geräusche von Schüssen gehört, Salven von 30 Sekunden, endlos lange, wir dachten, es sei ein Feuerwerk“, sagt Pierre Montfort, der unweit der Rue Bichat wohnt, wo es eine der Schießereien gab. Ein anderer Augenzeuge beschreibt schreckliche Szenen: „Man sah erst nur Flammen, die aus der Waffe kamen, wir hatten Angst, wer sagt uns, dass er nicht auf die Fenster schießen würde.“

Auch ein asiatisches Restaurant und eine Bar werden attackiert. Florence, die „eine Minute später“ mit dem Motorroller am Tatort eintraf, sieht die Menschen am Boden liegen. „Das war surreal“, sagt sie. „Niemand hat sich im Restaurant Petit Cambodge gerührt und alle Leute in der Bar Carillon waren am Boden. Es war sehr ruhig, die Leute verstanden nicht, was passierte“, sagt sie. „Ein Mädchen wurde von einem Mann in den Armen getragen. Sie sah wie tot aus.“ Ein Mann erzählt von Salven über „zwei, drei Minuten“. Er habe „mehrere blutüberströmte Körper am Boden gesehen“.

Erschütternde Szenen spielen sich beim abgeriegelten Krankenhaus Saint-Louis im Norden von Paris ab. Ein weinender Mann berichtet, dass seine Schwester getötet worden sei. Neben ihm bricht seine Mutter in Schluchzen aus und umarmt ihn. „Sie wollen uns nicht durchlassen“, sagt der Mann und weist verzweifelt in Richtung Kreuzung 50 Meter weiter.

Viele Menschen versuchen, über Handys an Informationen zu kommen. Auch vor dem Bataclan, wo ein Mann sagt: „Meine Frau ist im Bataclan, das ist eine Katastrophe.“ Ganz Paris, ganz Frankreich erlebt an diesem Abend eine Katastrophe.