Paris-Terror - Menschen trauern an Anschlagsorten

Paris (APA/AFP) - Die Stadt der Liebe ist wie gelähmt am Tag nach dem schlimmsten Angriff ihrer neueren Geschichte. An den Anschlagsorten in...

Paris (APA/AFP) - Die Stadt der Liebe ist wie gelähmt am Tag nach dem schlimmsten Angriff ihrer neueren Geschichte. An den Anschlagsorten in Paris kommen Menschen zusammen, mit rotgeweinten Augen und benommenen Gesichtern. „Ich bin nur schnell nach Hause gegangen, um zu duschen und meine Kinder zu beruhigen“, sagt ein Polizist, der nach den Anschlägen im Einsatz war. „Jetzt komme ich als Mensch zurück.“

Der Mann, der seinen Namen lieber nicht nennt, steht vor dem Bataclan, jener Konzerthalle, die am Freitagabend für hunderte friedliche Konzertbesucher zur Hölle auf Erden wurde. Mit Kalaschnikows bewaffnete Angreifer stürmten plötzlich die Halle, schossen wie besinnungslos um sich, später stürmte die Polizei den Saal, mehr als 80 Menschen starben. Der junge Polizist war dabei.

„Es war übel dort drinnen, ein wahres Gemetzel“, sagt der Beamte am Tag danach. „Da waren Menschen mit Kopfschüssen, andere wurden erschossen, als sie schon am Boden lagen.“ Am Samstagvormittag ist der Tatort noch immer abgeriegelt, seit dem Morgengrauen fahren Leichenwagen die Opfer davon, Polizeiautos versperren die Sicht. Der junge Polizist ist gekommen, um seine persönliche, ganz menschliche Bilanz zu ziehen. „Das lässt einen einfach nicht kalt.“

Peggy, eine Anrainerin, steht mit verweinten müden Augen auf der Straße. „Ich verstehe es nicht. Ich bin so schockiert.“ Das Bataclan sei doch ein Ort, an den junge Menschen nur zum Feiern kämen. „Seit 30 Jahren ist das hier mein Viertel“, sagt Mathilde, 56 Jahre alt. „Jeder kennt sich, trinkt zusammen Kaffee. Wir sind alle bestürzt.“ Eine ihrer Töchter lebt in der Rue Bichat, auch das ein Schauplatz der blutigen Attentate.

An sechs Orten schlugen die Attentäter am Freitag zu, mehr als 120 Menschen starben. Dutzende Menschen wurden lebensgefährlich verletzt, am Samstag öffneten in der ganzen Region Paris die Blutspendezentren, sie können den Ansturm kaum bewältigen. Ungefähr zur gleichen Zeit übernahm die Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) die Verantwortung für die Anschläge.

Unweit des Bataclan steht Mamadou, er ist die ganze Nacht wach geblieben und hat Radio gehört. „Das widert mich an, das ist apokalyptisch“, sagt er. „Mir fehlen die Worte.“ Im Viertel rund um das Bataclan streifen Psychologen des französischen Rettungsdienstes (Samu) herum, auf der Suche nach Menschen, die unter Schock stehen. Sie sollen „in die Realität zurückgeführt“ werden, sagt der Psychiater Christophe Debien aus Lille, der zur Verstärkung nach Paris gekommen ist. Bei Anzeichen für eine Posttraumatische Belastungsstörung sollten sie in ein Behandlungszentrum gebracht werden.

Nur 800 Meter entfernt ist die Rue de la Fontaine au Roi, ein weiterer Anschlagsort. Dort hat der 26-jährige Maximilien gerade sein Jogging unterbrochen. Doch sein Leben, das will er nicht anhalten, überhaupt will er nichts anders machen nach den Anschlägen, sich nicht einschüchtern lassen. „Man darf jetzt nicht aufhören zu leben. Auch nicht seine Gewohnheiten ändern, nicht einmal die kleinsten.“

Etwas weiter weg in der Rue de Charonne haben die Bestattungsunternehmer am Vormittag ihre Arbeit beendet. Ein junger Mann eilt herbei. „Laufen noch welche von denen frei rum?“ fragt er. Doch ein Polizist weiß es nicht genau, Hinweise auf weitere Attentäter scheint es nicht zu geben. „Es ist möglich, aber man sollte nicht in Panik verfallen. Denn das ist es, was sie wollen.“

Ein weiterer Anrainer hat eine andere Frage. Ob er die Kerze in seiner Hand vor dem Restaurant La Belle Equipe abstellen könne? Eine Polizistin schüttelt den Kopf. „Das ist zu früh, viel zu früh.“ Da geht er wieder, mit Tränen in den Augen.