„Islamischer Staat“ bekannte sich zu verheerenden Anschlägen in Paris

Paris (APA/AFP/Reuters/dpa) - Die Jihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) hat die Verantwortung für die Anschläge von Paris übernommen, bei...

Paris (APA/AFP/Reuters/dpa) - Die Jihadistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) hat die Verantwortung für die Anschläge von Paris übernommen, bei denen mindestens 128 Menschen getötet und 250 weitere verletzt worden sind. „Acht Brüder mit Sprengstoffgürteln und Sturmgewehren“ hätten den „gesegneten Angriff“ verübt, erklärte die Extremistenorganisation am Samstag im Internet.

Auch der französische Präsident Francois Hollande machte den IS verantwortlich. Er kündigte einen „unerbittlichen“ Kampf gegen Jihadisten in Frankreich und im Ausland an.

Unter den bei der Anschlagsserie Verletzten befindet sich auch ein 20-jähriger Tiroler, der eine schwere Schussverletzung erlitt und in Frankreich behandelt wird. Im Außenministerium in Wien wurde als Reaktion auf die Anschläge von Paris ein Krisenstab eingerichtet.

Hollande verhängte erstmals seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs den nationalen Notstand und beorderte große Kontingente der Armee zu Sicherungsaufgaben ein. An den Landesgrenzen wurden Kontrollen eingeführt. „Konfrontiert mit Krieg muss die Nation angemessene Maßnahmen ergreifen“, kündigte der Präsident am Samstag an.

Die offensichtlich koordinierten Anschläge wurden am Freitagabend von insgesamt acht Tätern an sechs verschiedenen Orten der französischen Hauptstadt verübt. Es war der schwerste Angriff in der Geschichte Frankreichs und das erste Mal, dass die Taten von Selbstmordattentätern begangen wurden. Unklar war zunächst, ob alle Attentäter bei den Anschlägen getötet wurden oder ob einige fliehen konnten. Dutzende Verletzte schwebten am Samstag noch in Lebensgefahr.

Der folgenschwerste Angriff des Abends wurde auf die Konzerthalle Bataclan in der Innenstadt verübt, in der mehr als tausend Menschen ein Konzert der US-Band Eagles of Death Metal besuchten. Vier schwerbewaffnete Attentäter schossen dort wahllos in die Menge. „Alle versuchten zu fliehen, die Menschen trampelten aufeinander herum, es war die Hölle“, berichtete ein Augenzeuge. „Sie haben gar nicht mehr aufgehört zu schießen.“ Nach Angaben der Behörden starben im Bataclan mindestens 82 Menschen.

Kurz nach Mitternacht stürmten Einsatzkräfte der Polizei den Saal. Dabei starben alle vier Attentäter. Nach Polizeiangaben töteten sich drei von ihnen selbst, indem sie Sprengstoffgürtel zündeten. Ein Augenzeuge berichtete, die Angreifer hätten „Allah Akbar“ (Gott ist groß) gerufen.

Angegriffen wurden auch mehrere Cafes und Restaurants sowie die Umgebung des Stade de France, wo gerade das Freundschaftsspiel Frankreich gegen Deutschland lief. Während des Spiels waren Explosionen außerhalb des Stadions im Pariser Vorort St. Denis zu hören. Nach dem Abpfiff liefen hunderte verängstigte Zuschauer auf das Spielfeld, später wurden alle durch mehrere Ausgänge nach draußen geleitet. Das DFB-Team verbrachte die Nacht im Stadion und wurde Samstag früh direkt zum Flughafen gebracht.

Für alle sechs Angriffe übernahm der IS die Verantwortung. Die Anschlagsserie habe sich gegen „Kreuzzug-Frankreich“ gerichtet, hieß es in einer im Internet veröffentlichten Erklärung. Die Angriffsziele seien „bewusst im Herzen von Paris ausgewählt“ worden.

Ein Augenzeuge aus dem Bataclan berichtete, die Attentäter hätten die Beteiligung Frankreichs an der US-geführten Militärkoalition gegen den IS in Syrien und im Irak für ihr Handeln verantwortlich gemacht. Die Männer hätten gesagt: „Hollande ist Schuld, Euer Präsident ist Schuld, er hat nicht in Syrien einzugreifen.“

Der französische Präsident wandte sich in der Nacht und nochmals am Samstagvormittag an die Franzosen. Er sprach von „Terrorangriffen von bisher nie da gewesenem Ausmaß“ und erklärte: „Das ist ein Kriegsakt, der von einer terroristischen Armee, dem IS, verübt wurde.“ Die „barbarischen“ und „feigen“ Anschläge seien im Ausland „vorbereitet, organisiert, geplant“ worden, mithilfe von Komplizen in Frankreich.

Die Terrormiliz drohte Frankreich mit weiteren Anschlägen. „Dieser Überfall ist nur der erste Tropfen Regen und eine Warnung“, hieß es in einer am Samstag im Internet kursierenden Botschaft im Namen des IS.

Der Elysee-Palast gab den Einsatz von 1.500 zusätzlichen Soldaten sowie verschärfte Grenzkontrollen bekannt. Außenminister Laurent Fabius stellte klar, dass Frankreich ungeachtet der Anschläge an seinem internationalen Engagement festhalte. „Das internationale Handeln Frankreichs wird fortgesetzt und ist gesichert“, sagte Fabius am Rande der Syrien-Konferenz in Wien.

Die Franzosen rief Hollande zur „Einheit“ auf. Zugleich kündigte er eine dreitägige Staatstrauer an. Kundgebungen im Großraum Paris wurden bis Donnerstag untersagt. Am Samstag blieben Schulen, Universitäten und andere öffentliche Einrichtungen geschlossen. Sämtliche für das Wochenende geplanten Sportveranstaltungen wurden abgesagt, auch Touristenattraktionen blieben geschlossen, mehrere Metro-Linien wurden unterbrochen.

Frankreich gehört zu den Gründungsmitgliedern der US-geführten Koalition gegen den IS und hat sich von Anfang an Luftangriffen gegen die radikalislamischen Milizen in Syrien beteiligt. Kurz vor den Anschlägen hatte ein IS-Vertreter in einem Video gedroht: „Solange ihr uns bombardiert, werdet ihr nicht in Frieden leben. Ihr werdet sogar Angst haben, auf den Markt zu gehen.“

Nahe einem der Attentäter von Paris ist nach Angaben aus Polizeikreisen ein syrischer Pass gefunden worden. Der Pass sei in der Nähe der Leiche eines der Angreifer entdeckt worden, sagte ein Polizeivertreter. Laut Polizeikreisen gehen die Ermittler gemeinsam mit ausländischen Geheimdiensten derzeit einer „syrischen Spur“ nach.

Mit den verheerenden Angriffen kehrt gut zehn Monate nach den Anschlägen auf die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ und einen koscheren Supermarkt der Terror in die französische Hauptstadt zurück. In zwei Wochen empfängt Paris zahlreiche Staats- und Regierungschefs aus aller Welt zur Weltklimakonferenz. Viele von ihnen äußerten am Samstag ihr Entsetzen über die Geschehnisse in der französischen Hauptstadt. Regierungen rund um den Globus erhöhten die Sicherheitsvorkehrungen.

(Grafiken 1306-15, Format 88 x 112 mm; 1307-15, Format 88 x 135 mm; 1309-15, Format 88 x 145 mm)