Paris-Terror - Eine Spur führt nach Belgien

Brüssel/Paris/London (APA/Reuters/AFP/dpa) - Nach den Anschlägen in Paris mit mindestens 129 Toten hat die belgische Polizei mehrere Mensche...

Brüssel/Paris/London (APA/Reuters/AFP/dpa) - Nach den Anschlägen in Paris mit mindestens 129 Toten hat die belgische Polizei mehrere Menschen verhaftet. Die Aktion stehe im Zusammenhang mit einem Pkw mit belgischem Kennzeichen, teilte Justizminister Koen Geens am Samstag über Twitter mit. Augenzeugen hatten das Fahrzeug in der Nähe der Konzerthalle Bataclan gesehen, wo vier Bewaffnete am Freitagabend 89 Menschen erschossen hatten.

Die Polizei durchsuchte in einem Großeinsatz mehrere Wohnungen im Brüsseler Stadtviertel Molenbeek, wie der Sender RTBF im Internet unter Berufung auf einen Insider berichtete. Fünf Menschen seien festgenommen worden. Die Ermittlungen dauern nach Angaben der Staatsanwaltschaft an. Der belgische Premierminister Charles Michel bestätigte, unter den Festgenommenen sei auch eine Person festgenommen worden, die am Freitagabend in der französischen Hauptstadt war. Die Extremistenorganisation „Islamischer Staat“ (IS) hatte sich zu den Anschlägen bekannt.

Die Person, die das Auto gemietet habe, sei nahe der belgischen Grenze festgehalten worden, teilte die Pariser Staatsanwaltschaft mit. Insgesamt habe es drei Angreifer-Teams gegeben. In einem offenkundig abgestimmten Vorgehen griffen in der Nacht auf Samstag nahezu zeitgleich mindestens sieben Männer die Konzerthalle, das Fußballstadion „Stade de France“ und mehrere Restaurants sowie Bars an und töten willkürlich Gäste und Passanten.

Einer der Angreifer in der Konzerthalle war nach Angaben der Staatsanwaltschaft wegen seiner Radikalisierung aktenkundig und vorbestraft. Die Angreifer sprachen während der Geiselnahme von Syrien und dem Irak. Der IS Staat hält weite Gebiete in der Region. Sechs der Angreifer sprengten sich selbst in die Luft, einer wurde von der Polizei getötet. Offen ist, ob es einen weiteren Angreifer gegeben hatte.

Bei einem der Attentäter wurde ein syrischer Pass gefunden. Der Eigentümer des Passes reiste Anfang Oktober über Griechenland in die Europäische Union ein, wie die Regierung in Athen erklärte. Der Mann sei am 3. Oktober auf der Insel Leros als Flüchtling registriert worden. Insider berichteten, der junge Mann sei mit einer Gruppe von 69 Menschen angekommen und habe seine Fingerabdrücke abgegeben. Unklar sei bisher, ob auch der Eigentümer des ägyptischen Passes in Griechenland registriert worden sei, der ebenfalls neben einem toten Attentäter gefunden worden sei, hieß es.

In Bayern nahm die Polizei bereits vor Tagen einen mutmaßlichen Komplizen der Attentäter fest. „Der Fall in Rosenheim wird gerade aufgeklärt“, sagte der deutsche Innenminister Thomas de Maiziere. „Es gibt einen Bezug nach Frankreich, aber es steht nicht fest, ob es einen Bezug zu diesem Anschlag Paris gibt.“ Im Auto des Festgenommenen seien Waffen gefunden worden. „Auf der Navigationsadresse war eine Adresse in Paris vermerkt“, sagte der Innenminister. Um aber einen Deutschland-Bezug zu den Pariser Anschlägen herzustellen, sei es noch zu früh. Das bayerische Landeskriminalamts teilte mit, der Verdächtige sei 51 Jahre alt und stamme aus Montenegro. In seinem Auto seien acht Maschinenpistolen, ein Revolver und zwei weitere Pistolen gefunden worden.

Der 51-Jährige sei von Süden gekommen, woher konkret, seit nicht bekannt, da der Beschuldigte gegenüber der Polizei weder dazu noch zu seinem Fahrziel Angaben gemacht habe, sagte ein Sprecher des Bayerischen Landeskriminalamt am Samstag der APA. Dass der Mann in Österreich unterwegs war, ist damit zwar durchaus möglich, aber nicht gesichert.

In Großbritannien wurde unterdessen ein Franzose verhaftet. Zuvor war ein Terminal des Londoner Flughafens Gatwick nach dem Fund eines verdächtigen Gegenstandes evakuiert, bei dem es sich um eine Schusswaffe handeln soll. Ein Polizeisprecher sagte, die Ermittlungen dauerten an. Es sei noch zu früh, um nähere Angaben zu machen. Das Terminal ist inzwischen wieder geöffnet.

„Sieben Terroristen starben während ihrer kriminellen Handlungen“, sagte der Pariser Staatsanwalt Francois Molins am Samstagabend. Zuvor war von acht die Rede. Einer der Angreifer sei anhand seiner Fingerabdrücke identifiziert worden: Es handle sich um einen 1985 im Süden von Paris geborenen Mann, der in den vergangenen Jahren acht Mal wegen gewöhnlicher Straftaten verurteilt worden und den Behörden wegen seiner Radikalisierung aufgefallen sei.

Nahe der Leiche eines anderen Selbstmordattentäters sei ein syrischer Pass gefunden worden, sagte Molins. Der 1990 in Syrien geborene Besitzer des Passes sei den französischen Behörden nicht bekannt.

Die Angreifer seien bei den Anschlägen offenbar in „drei Teams“ vorgegangen, sagte Molins. Das Bataclan wurde von drei mit Kalaschnikow-Schnellfeuergewehren und Sprengstoffgürteln bewaffneten Männern attackiert, die in einem „schwarzen Polo“ mit belgischem Kennzeichen vorgefahren seien. Davor war die Rede von vier Angreifern im Bataclan gewesen. Als zweites Tatfahrzeug wurde ein schwarzer Seat identifiziert.

Die Zahl der Todesopfer gab der Staatsanwalt mit 129 an, allein 89 Opfer wurden im Bataclan getötet. Die Opferzahl drohe sich weiter zu erhöhen, sagte Molins: Unter den 352 Verletzten seien 99 Menschen mit besonders schweren Verletzungen. Unter den Verletzten befindet sich auch ein 20-jähriger Tiroler aus Tarrenz (Bezirk Imst), der eine schwere Schussverletzung erlitt und in Frankreich behandelt wird.

Schwerbewaffnete Angreifer hatten am Freitagabend bei einem koordinierten Großangriff sechs Ziele in Paris attackiert, darunter mehrere Bars und Restaurants und das Bataclan im Herzen der französischen Hauptstadt. Drei Selbstmordattentäter sprengten sich nahe des Stade de France in die Luft, wo zum Zeitpunkt der Anschläge ein Freundschaftsspiel der Fußball-Nationalmannschaften Frankreichs und Deutschlands stattfand. Dort wollten die Attentäter laut dem „Wall Street Journal“ wohl einen Anschlag direkt im Stadion verüben. Mindestens ein Angreifer habe ein Ticket für das Match gehabt. Er sei von einem Ordner beim Sicherheitscheck gestoppt worden, schrieb das Blatt am Samstag online unter Berufung auf einen anderen Ordner und einen Polizisten. Bei dem Attentäter sei etwa eine Viertelstunde nach Spielbeginn am Stadioneingang eine Sprengstoff-Weste entdeckt worden. Beim Versuch zu entkommen, habe der Mann den Sprengstoff zur Explosion gebracht. Der Polizist vermutetet laut „Wall Street Journal“, dass der Angreifer den Sprengstoff im Stadion zünden wollte. Ziel sei vermutlich eine Massenpanik bei den Zuschauern gewesen, hieß es weiter.

Die blutigen Anschläge in Paris brachten das öffentliche Leben in der französischen Hauptstadt am Samstag weitgehend zum Erliegen. Museen blieben geschlossen, Konzerte wurden abgesagt, Sportevents vertagt. Tausende Franzosen gedachten in verschiedenen Städten des Landes der Anschlags-Opfer. Frankreichs Präsident Francois Hollande hatte nach den Angriffen den Ausnahmezustand verhängt. Er sprach von einem „Kriegsakt“ und kündigte einen „unerbittlichen“ Kampf gegen Jihadisten in Frankreich und im Ausland an.

(Grafik-1310, Format 88 x 55 mm)