Paris-Terror - „Wir sind traumatisiert. Aber wir sind hier“

Paris (APA) - Der Platz der Republik liegt in direkter Nachbarschaft der Anschlagsorte im Osten von Paris. Trotz offiziellen Versammlungsver...

Paris (APA) - Der Platz der Republik liegt in direkter Nachbarschaft der Anschlagsorte im Osten von Paris. Trotz offiziellen Versammlungsverbots haben sich bereits den ganzen Samstag über Hunderte Menschen vor der riesigen Bronzestatue im Zentrum des Platzes versammelt. Sie legen Blumen nieder, entzünden Kerzen, gedenken der Opfer vom Freitagabend. Kerzenschein dominiert den Samstagabend in Frankreichs Hauptstadt.

Immer mehr Menschen kommen, Familien bringen ihre Kinder mit, die Kleinen zünden Kerzen an. Immer wieder weht der Wind über den Platz, die Feuer erlöschen. Fast stoisch sitzen und knien die Menschen am Boden, zünden die Kerzen wieder an. Der erhöhte Bereich unter der Statue gehört den Trauernden, es ist still dort, Journalisten bleiben am darunterliegenden Platz. Wenige Meter von der Statue entfernt, beim Abgang zur U-Bahn-Station, hat ein junger Mann einen Verstärker aufgestellt. „Imagine“ von John Lennon klingt über den Platz. Das Lied ist ein Aufruf für den Frieden, ein Klassiker der Popmusik. Menschen halten sich im Arm, geben einander Kraft.

„Vor zehn Monaten, nach den Anschlägen bei ‚Charlie Hebdo‘ waren wir hier, mit der gleichen Botschaft. Am gleichen Platz, wir haben Blumen niedergelegt, Kerzen entzündet“, sagt Maurice. Der Platz war das Zentrum der riesigen Solidaritätskundgebungen nach dem Anschlag auf die Satirezeitung Anfang Jänner. Tausende versammelten sich spontan.

„Ich will nicht pessimistisch sein, bin aber realistisch und glaube, dass wir wieder hier stehen werden. Es ist nicht das letzte Mal am Platz der Republik“, meint Maurice. „Wie alle Menschen hier bin ich traurig. Hier kennt jeder jemanden der gestern im Bataclan war. Eine Freundin von mir war dort. Sie lebt, aber sie musste gestern Abend über Leichen klettern, um aus dem Club rauszukommen“, erzählt der junge Mann der APA.

„Es gibt jeden Tag Tote, in Syrien, im Libanon. Aber daran fühlt man sich nicht beteiligt. Jetzt können wir das, was passiert ist, mit Namen verknüpfen, mit Familien, Freunden, Verwandten. Das ändert alles, jetzt ist es real. Es gibt der Tragödie ein Gesicht“, sagt Maurice.

„Ich verstehe nicht, was letzte Nacht passiert ist. Ich bin unendlich traurig“, sagt Florence. Die Französin hat Tränen in den Augen, kniet am Boden, zündet Kerzen an. „Ich wohne wenige hundert Meter von hier entfernt. Gestern Abend war ich mit meiner Tochter daheim. Ich hörte Schüsse, Menschen schrien, sie flüchteten in meine Straße, rannten in Geschäfte, verriegelten dort Türen und Fenster“, erzählt Florence.

„Dann kam die Polizei. Sie haben versucht, Menschen auf der Straße zu reanimieren. Ich habe gesehen, wie sie fünf Leichen davongetragen haben“, sagt die Frau. „Dann war Stille. Dieses Viertel ist normalerweise sehr belebt, vor allem am Freitagabend, junge Menschen gehen aus, sind fröhlich. Gestern war es still, totenstill“, erzählt Florence. „Wir haben den Tod gespürt. Ich hatte Panik, wusste nicht, ob da draußen noch weitere Terroristen sind.“ Erst am späten Samstagnachmittag traute sich die junge Frau wieder vor die Tür. „Als ich dann raus bin, waren überall Einschusslöcher.“ „Wir sind traumatisiert. Aber wir sind hier, alle gemeinsam. Das ist wichtig“, sagt Florence.

Wenige Meter weiter steht Benkovka, diskutiert mit anderen Parisern über die Konsequenzen der Anschläge. Was wird sich nun ändern, fragen sich die Menschen. „Es ist wichtig, dass wir innehalten und nachdenken. Wir müssen verhindern, dass die Gesellschaft gespalten wird. Davor fürchte ich mich“, sagt die Frau. „Die Menschen haben Angst, ich habe Angst.“ Ein Mann nickt zustimmend. „Aber wir dürfen uns jetzt nicht gegenseitig aufhetzen lassen. Denn dann gewinnen die Terroristen.“