„Europa ist besser“ - Syrer haben in Türkei kaum Perspektiven

Istanbul (APA) - Was ihm am meisten fehlt? „Meine Heimat“, sagt Abdull Shaker. Der Syrer steht in seinem Lebensmittelladen im türkischen Ist...

Istanbul (APA) - Was ihm am meisten fehlt? „Meine Heimat“, sagt Abdull Shaker. Der Syrer steht in seinem Lebensmittelladen im türkischen Istanbul. Hinter ihm hängt eine Flagge der Freien Syrischen Armee. „Hier halte ich die Sehnsucht noch am besten aus“, sagt der 37-Jährige. Denn sein Laden befindet sich unweit der bei Touristen beliebten Süleymaniye-Moschee, in der sogenannten „syrischen Straße“.

Diese wird so genannt, weil sich hier auf der europäischen Seite der Metropole ein syrisches Geschäft neben dem anderen reiht: Süßwarenhändler, Obstverkäufer, Friseursalons oder Buchhandlungen. Die Produkte und Ladenschilder sind mit syrischem Arabisch beschriftet, fast alle Händler sind aus dem benachbarten Bürgerkriegsland geflohen. Es ist eine Straße, die auch in Damaskus sein könnte - nur das hier türkische Flaggen hängen. „An diesem Ort fühle ich mich nicht so fremd“, sagt Shaker. Er ist vor drei Jahren mit seiner Frau und den zwei Söhnen aus der syrischen Hafenstadt Latakia nach Istanbul geflohen.

Mehr als vier Millionen Syrer mussten seit Beginn des Krieges im März 2011 aus ihrer Heimat fliehen, die Mehrheit von ihnen in Nachbarstaaten wie Libanon und Jordanien, der Großteil aber lebt in der Türkei. Ein ganzes Volk ist auf der Flucht, Shaker ist einer von rund 2,2 Millionen Syrern, welche die Türkei aufgenommen hat. Geschätzte 400.000 davon leben alleine in Istanbul, also etwa drei Prozent der Bevölkerung. Ein trauriger Rekord, der das Land verändert hat.

So haben sich vor allem an der türkisch-syrischen Grenze die Stadtbilder verändert. Insgesamt gibt es dort 25 Flüchtlingslager, in denen 250.000 Syrer leben. Die Mehrheit schlägt sich auf eigene Faust durch, lebt bei Verwandten oder muss oftmals Wohnungen zu ruinösen Preisen mieten. Türkische Medien berichteten kürzlich, dass in der südosttürkischen Kilis inzwischen 110.000 Syrer und 108.000 Türken leben würden. Landesweit gibt es Hausbesitzer, die Behelfscontainer auf ihre Dächer gestellt haben, und diese an Flüchtlinge vermieten. Das Zuhause der Ärmsten sind zerfallenen Häuser, Parkplätze oder Grünanlagen.

In der „syrischen Straße“ in Istanbul haben sich die Entkommen dazu entschlossen, sich nicht von der Ungewissheit und dem Stillstand zermürben zu lassen. Shaker ist mit seiner Familie mit nur einer Reisetasche hier angekommen. Auf seinem Handy zeigt er Bilder von seinem alten Leben: Er hat Medizin studiert, hatte ein Haus, ein Auto, einen Garten - all das ist jetzt zerbombt, sein Abschluss wird in der Türkei nicht anerkannt. Doch er will nicht klagen in diesem fremden Land. „Ich bin der Türkei sehr dankbar, dass wir hier sein dürfen“, sagt er. „Hier sind wir in Sicherheit, in Syrien wäre ich längst tot“, sagt er, während im Hintergrund der Muezzin zum Gebet ruft.

Die Türkei gewährt den Syrern keinen Flüchtlingsstatus, sondern „vorübergehenden Schutz“. Die Syrer werden von der Regierung „Gäste“ genannt, es werden ihnen kaum Perspektiven geboten, die Flüchtlinge werden weitgehend sich selbst überlassen. Die Türkei versteht sich nicht als Einwanderungsland. Die Regierung hatte mehrfach angekündigt, den Arbeitsmarkt offiziell für Flüchtlinge zu öffnen - doch immer noch erhalten sie keine Arbeitserlaubnis. Wer wie hier in der „syrischen Straße“ ein Geschäft eröffnen will, braucht wie Shaker einen türkischen Bürgen, oder muss darauf hoffen, dass die türkischen Behörden die Arbeit stillschweigend dulden. Weil die „Gäste“ als Konkurrenten um die knappen und schlecht bezahlten Jobs und um den Wohnraum gelten, gibt es immer wieder Übergriffe auf arabisch-sprechende Menschen, auf Facebook gab es eine Kampagne türkischer Nationalisten, mit dem Namen „Gaziantep will keine Syrer“

Die Türkei gilt mittlerweile als Schlüsselland in der Flüchtlingskrise. Denn wegen der Perspektivlosigkeit versuchen Hunderttausende Syrer selbst unter Lebensgefahr aus der Türkei in die EU zu gelangen. Viele Flüchtlinge in „syrischen Straße“ wollen nach Deutschland, doch auch Österreich können sich einige vorstellen. „Die Türken sind freundlich zu uns“, sagt der Backwarenhändler Magamed Mohsen. „Aber Europa ist besser“, sagt er. „Da können meine drei Söhne endlich in die Schule gehen“, so der 34-Jährige aus Aleppo. „Aber wir haben Geld für die Reise, wir müssen in Istanbul bleiben.“

Ankara fordert seit Jahren immer wieder mehr Unterstützung zur Bewältigung der Flüchtlingskrise durch die internationale Gemeinschaft. Denn die Kapazitäten der Türkei sind schon lange überstrapaziert. So schaut es etwa katastrophal im Bildungsbereich aus. Rund 708.000 der syrischen Flüchtlinge in der Türkei sind laut der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch Kinder im Schulalter. Und obwohl die Türkei den syrischen Kindern im vergangenen Jahr erlaubte, Schulen zu besuchen, seien nur rund 212.000 Syrer an den Schulen registriert. Gründe dafür seien Sprachbarrieren, Integrationsprobleme und finanzielle Schwierigkeiten.

Der Lebensmittelhändler Shaker will aber trotz allem in der Türkei bleiben. Denn eines Tages, so ist er sich sicher, wird auch der Krieg in seiner Heimat vorbei sein. „Dann ist unser Weg nach Hause nicht sehr weit.“