Fußball: Multikulti-Elf Schweiz: Secondos drücken „Nati“ Stempel auf

Wien (APA) - Fehlende Internationalität kann dem Schweizer Fußball-Nationalteam nicht vorgeworfen werden. Bei der WM im Vorjahr stellten die...

Wien (APA) - Fehlende Internationalität kann dem Schweizer Fußball-Nationalteam nicht vorgeworfen werden. Bei der WM im Vorjahr stellten die Eidgenossen das kosmopolitischste Team im Turnier. 15 Schweizer Akteure hatten laut einer Studie Verbindungen zu 13 verschiedenen Nationen. Auch im bevorstehenden Länderspiel in Wien wird sich die „Nati“ als Multikulti-Truppe präsentieren.

Zwölf Spieler mit Migrationshintergrund befinden sich im nach Wien gereisten 22-Mann-Aufgebot. Bei Österreich sind es mit Ramazan Özcan, Aleksandar Dragovic, György Garics, David Alaba, Marko Arnautovic, Rubin Okotie und Karim Onisiwo sieben von 23. Angeführt wird die Schweiz von Kapitän Gökhan Inler. Der bei Leicester City engagierte Mittelfeldspieler erblickte in Olten im Kanton Solothurn als Sohn türkischer Eltern das Licht der Welt.

Inler ist ein sogenannter „Secondo“, also ein Spieler mit mindestens einem Elternteil aus einem anderen Land. Sie haben der Nationalelf in den vergangenen Jahren WM- und EM-Teilnahmen beschert. Bekannte Namen sind auch die im Kosovo geborenen Xherdan Shaqiri und Valon Behrami. Gelson Fernandes stammt von Kap Verde, Johan Djourou von der Elfenbeinküste. Timm Klose wurde als Sohn eines Deutschen und einer Schweizerin in Frankfurt/Main geboren.

Gegen Österreich verletzungsbedingt nicht dabei sind der in Basel als Sohn albanischer Eltern zur Welt gekommene Granit Xhaka oder Jungstar Breel Embolo. Der 18-jährige, gebürtige Kameruner bekam erst im Dezember des Vorjahres die Schweizer Staatsbürgerschaft.

Auch Trainer Vladimir Petkovic wurde in Sarajevo geboren, ehe er als Profi mit 24 Jahren in die Schweiz ging. Der nun 52-Jährige bezeichnet sich selbst als „Schweizer und bosnischer Kroate“. Dass auch seine Schützlinge im Nationalteam ihren Wurzeln treu geblieben sind, verdeutlicht die hohe Anzahl an Doppel-Staatsbürgerschaften. Der Schweizer Verband SFV bangt deshalb immer wieder um Talente.

So entschied sich der im Kanton Aarau geborene Ivan Rakitic 2007 für eine Karriere im kroatischen Nationalteam. Der 27-Jährige spielt inzwischen beim FC Barcelona. Um Shaqiri soll sich der Verband des Kosovo schon mehrfach bemüht haben. Der Clubkollege von Marko Arnautovic bei Stoke City blieb der Schweiz treu, hebt seine Verbundenheit mit seinem Geburtsland aber immer wieder hervor - nicht immer zum Gefallen aller.

Deshalb gibt es mitunter auch Misstöne. Ende März sorgte vor dem EM-Quali-Spiel gegen Estland Stephan Lichtsteiner für Stirnrunzeln. Der bei Juventus Turin engagierte Außenverteidiger zeigte sich von der Nicht-Nominierung von Tranquillo Barnetta und Pirmin Schwegler enttäuscht. „Wichtig ist mir, dass wir auf die sogenannten Identifikationsfiguren aufpassen, weil wir nicht mehr wirklich viele von diesen haben“, sagte Lichtsteiner in einer Medienrunde.

Weiters meinte der 31-Jährige: „Es gilt, in Zukunft die richtige Balance und Mischung zu finden. Mir geht es nicht um ‚richtige Schweizer‘ und die ‚anderen Schweizer‘, sondern darum, dass sich das Volk weiterhin mit dem Nationalteam identifizieren kann.“ Zwar erklärte Lichtsteiner umgehend, man solle dies nicht als Votum gegen seine Mitspieler mit Migrationshintergrund auffassen. Der Stein war aber schon ins Rollen gebracht.

In der Schweiz entfachte sich eine Diskussion darüber, ob die fehlende Euphorie um die „Nati“ damit begründet ist, dass mehr Secondos im Team stünden. Trainer Petkovic sah Lichtsteiners Meinung als „zum falschen Zeitpunkt geäußert“. Der für das Team zuständige SFV-Delegierte Peter Stadelmann stellte klar: „Für uns gibt es keine zwei Kategorien von Spielern.“ Die Mannschaft sei „100 Prozent schweizerisch“. Mittlerweile haben sich die Gemüter wieder beruhigt.