„Don Giovanni“ trotze in der Volksoper dem Terror

Wien (APA) - Paris ist anderswo. Wie zum Trotz hat sich die Volksoper am Samstag entschieden, auch am Tag nach den Pariser Anschlägen die Pr...

Wien (APA) - Paris ist anderswo. Wie zum Trotz hat sich die Volksoper am Samstag entschieden, auch am Tag nach den Pariser Anschlägen die Premiere von Mozarts „Don Giovanni“ zu feiern. Der Versuch, der Einschüchterung Kultur entgegenzusetzen, ist geglückt: Achim Freyer hat einen Bilderbuchreigen inszeniert. Die wenigen Buh-Rufer hatten letztlich gegen die Begeisterung das Nachsehen. Auch das ist Demokratie.

Selbst auf die an solchen Tagen obligatorische Schweigeminute hat die Volksoper bei ihrer Premiere verzichtet. Dass die Anschläge in Paris ausgerechnet einen Betrieb des Kulturlebens getroffen hatten, war an diesem Abend ohnehin jedem bewusst. Auch darum war die charmante Entführung Freyers auf einer Bühne, die mit ihren skizzenhaften Papp-Kulissen und Kostümen das Stück im Stück gar nicht erst verheimlicht. Eine Vereinnahmung, der sich fast jeder im Publikum gerne hingab. Bühnenarbeiter wurden zu Statisten (oder umgekehrt), der Beginn dieser beabsichtigten Farce war nicht konkret auszumachen.

Irgendwann fand man sich in Mozarts und Da Pontes Werk wieder - welches ein Hybrid aus italienischer Originalfassung und deutscher Übersetzung bot. Zwischen witzig und schlüpfrig reicht dabei die Palette der Anspielungen, die dabei oft nur knapp am gediegenen Herrenwitz vorbeischrammt. Dennoch verführt Freyer quasi durch die Hintertür zu einem psychologisch durchdachten Spiel, dass über bekannte freudsche Thesen hinaus zum Denken anregt. Nicht nur die Titelfigur wird dabei Geisel ihrer Triebe, die ganze Gesellschaft leidet mit ihr.

Zur sympathischen Zerrissenheit der Inszenierung gesellten sich bei der Premiere Stimmen, die nicht klar festzumachen waren: Josef Wagner sang die Titelrolle unter Tonnen von weißer Bühnenschminke - ganz die Commedia dell‘Arte im Sinn - solide, nicht mehr, nicht weniger. Seine Mitspieler hatten sich in den Proben wohl eher auf ihre ureigenen Arien konzentriert, die jeweils Beifall fanden. In den Rezitativen flachten Volumen wie Ausdruck markant ab. Ob Andreas Mitschke als Komtur, Mischa Schelominaski als Leporello oder Publikumsliebling Kristiane Kaiser in der Rolle der Donna Anna - alle Darsteller fügten sich der Regie und bewiesen Witz wie Selbstironie.

Für die kurzfristig erkrankte Caroline Melzer sprang bei der Premiere Esther Lee für die Rolle der Donna Elvira ein - und wuchs über den Status eines Substituts weit hinaus. Subtiler als sonst - und das nicht nur in der Volksoper - üblich führte Dirigent Jac van Steen das Orchester durch die Partitur. Da wurde auch so manches Wackeln zu Beginn verziehen. Don Giovanni, wie die Geschichte es erzählt, wurde auch diesmal keine Gnade zuteil: Dessen „Höllenritt“ wurde mit projizierten Blutspritzen untermalt, was vielleicht einzig und allein die Tagesereignisse wieder präsent machte.

Die Einladung in das abschließend auf der Bühne eröffnete „Ristorante Giovanni“ versöhnte auf sympathischste Art - und auch Teile des mehrheitlich begeisterten Publikums kamen der Aufforderung gerne nach. Kein Wunder: Freyer, der zuerst ebenfalls unerkannt auf der Tafel Platz genommen hatte, lockte mit „Würstl à la Giovanni“. Ob die Buh-Rufe auf Futter- oder gar anderen Neid zurückzuführen waren, bleibt ungewiss.

(S E R V I C E - „Don Giovanni“ von Wolfgang Amadeus Mozart in der Wiener Volksoper, Währinger Straße 78, 1090 Wien. Dirigent: Jac van Steen, Regie/Bühnenbild/Kostüme: Achim Freyer. Mit Josef Wagner (Don Giovanni), Andreas Mitschke (Komtur), Kristiane Kaiser (Donna Anna), Jörg Schneider (Don Ottavio), Esther Lee/Caroline Melzer (Donna Elvira), Mischa Schelomianski (Leporello), Ben Connor (Masetto), Antia Götz (Zerlina). Weitere Aufführungen am 20., 22. 24. und 27. November, 01., 03., 09., 12. und 15. Dezember. www.volksoper.at)