Der große Pop-Betrug: Vor 25 Jahren flogen Milli Vanilli auf

Berlin (APA/dpa) - Sie waren Superstars. 1988 erschuf der deutsche Produzent Frank Farian das Pop-Duo Milli Vanilli. Als „Sänger“ holte er z...

Berlin (APA/dpa) - Sie waren Superstars. 1988 erschuf der deutsche Produzent Frank Farian das Pop-Duo Milli Vanilli. Als „Sänger“ holte er zwei junge Männer mit hübschen Gesichtern und Rastazöpfen: den Franzosen Fab Morvan und den Deutsch-Amerikaner Rob Pilatus. Milli Vanilli lieferten Ende der 1980er Jahre einen Hit nach dem anderen - ohne selbst gesungen zu haben. Aber das wurde erst Mitte November 1990 bekannt.

In den USA landete das Duo aus Deutschland mit den Songs „Baby Don‘t Forget My Number“, „Blame it on the Rain“ und „Girl I‘m Gonna Miss You“ dreimal sensationell auf Platz eins der Single-Charts. Das Debütalbum „All Or Nothing“ war europaweit erfolgreich. In den USA stand es 1989 unter dem Titel „Girl You Know It‘s True“ wochenlang an der Charts-Spitze, die Platte wurde millionenfach verkauft.

Obendrein gab es im März 1990 den begehrtesten Musikpreis der Welt, den Grammy, in der Kategorie „Beste neue Künstler“. In jener Nacht saß Charles Shaw, neben Brad Howel und John Davis einer der „echten“ Sänger von Milli Vanilli, zu Hause in Mannheim und verfolgte die Gala im Fernsehen, wie er vor einigen Jahren „Spiegel Online“ berichtete.

Er habe den Auftritt des Duos gesehen, seine eigene Stimme vom Band singen gehört und „konnte weder lachen noch weinen“, sagte er. „Ich wusste: Das würde nicht lange gut gehen, bald würde die Bombe platzen.“

Und tatsächlich kam es einige Monate später zum großen Knall. Nachdem es immer wieder Gerüchte gegeben hatte, verkündete Frank Farian Mitte November 1990: Er habe Pilatus und Morvan nur wegen ihres Aussehens angeheuert. Die Platte sei bereits vorher produziert worden. Der „Washington Post“ sagte Farian kurz danach: „Es war fantastische neue Musik, die Leute waren glücklich, wo ist das Problem?“

Für die amerikanische Schallplattenakademie war es allerdings ein großes Problem. Am 19. November 1990 entzog sie Milli Vanilli den Grammy, ein beispielloser Schritt in der damals mehr als 30-jährigen Geschichte des renommierten Musikpreises. Später entschied ein US-Gericht, dass die Fans drei Dollar je gekaufter CD zurückbekommen.

Dass das Duo nicht selbst sang, nannte Farian „ein offenes Geheimnis“. Und in der Tat: Es hatte schon vorher dubiose Szenen gegeben. Bei einem Auftritt von Milli Vanilli in Bristol im US-Bundesstaat Connecticut versagte kurz nach Konzertbeginn die Playback-Maschine. „Die Musiker sahen sich an“, schrieb Roger Catlin in der Zeitung „The Hartford Courant“. „Sie stürmten von der Bühne.“

Ähnlich vorgegangen war Farian bereits in den 1970er Jahren mit seiner Disco-Formation Boney M. („Daddy Cool“, „Rivers Of Babylon“), bei der teils andere Menschen im Studio standen als auf der Bühne. Der Produzent persönlich sang bei den Aufnahmen. Bobby Farrell, bühnentauglicher Tanzstar von Boney M., bewegte bei manchen Auftritten lediglich seine Lippen zu Farians Stimme vom Band.

Und wie ging es mit Milli Vanilli weiter? Nach der Enthüllung sagte Pilatus in einem Interview der „Los Angeles Times“: „Die letzten zwei Jahre in unserem Leben waren ein absoluter Alptraum.“ Den Fans versprach er, dass die beiden bald ein selbstgesungenes Album herausbringen wollten. „Da werden wir unser Talent unter Beweis stellen.“

Ein Neuanfang unter dem Namen Rob & Fab scheiterte. Auch zu einem geplanten Comeback von Milli Vanilli - diesmal mit Morvan and Pilatus als Sänger - kam es nicht mehr. Pilatus, der Probleme mit Drogen bekommen und mit Straftaten Schlagzeilen gemacht hatte, starb 1998 in einem Frankfurter Hotelzimmer. Todesursache war laut Staatsanwaltschaft eine Überdosis aus Psychopharmaka, Kokain und Alkohol.

Der heute 49-jährige Fab Morvan versuchte sich als Solokünstler. Außerdem nahm er im Herbst 2004 als Kandidat im RTL-Dschungelcamp „Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!“ teil (2. Staffel). Gemeinsam mit John Davis trat er im Mai 2015 in der ZDF-Show „Willkommen bei Carmen Nebel“ auf.

Erfolgsproduzent Farian, der 1997 mit dem Musikpreis Echo für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, lebt inzwischen hauptsächlich in Miami im US-Bundesstaat Florida. Zu den „alten Geschichten“ will er sich nach Angaben seiner Managerin aktuell nicht äußern.

„Ich bin ganz mit mir im Reinen“, hatte Farian anlässlich seines 70. Geburtstags vor vier Jahren im Interview der Deutschen Presse-Agentur versichert. Er betonte aber auch: „Milli Vanilli war mit Sicherheit ein Fehler. Ich hatte immer ein schlechtes Gefühl dabei.“