Paris-Terror - Experten sehen „neue Kampfetappe“ des IS

Paris (APA/AFP) - Die Anschläge von Paris belegen nach Einschätzung von Experten die wachsende Schlagkraft und Reichweite der Jihadistenmili...

Paris (APA/AFP) - Die Anschläge von Paris belegen nach Einschätzung von Experten die wachsende Schlagkraft und Reichweite der Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS). In einem Bekennerschreiben bekannte sich die zunehmend international operierende Salafistengruppe zu der „gesegneten Attacke auf das Kreuzfahrerland Frankreich“.

Der französische Staatschef François Hollande bewertete die Anschläge als „Kriegsakt“ und unterstrich damit die internationale Dimension der Entwicklungen.

Nur einen Tag vor den Pariser Attentaten zündeten in der libanesischen Hauptstadt Beirut zwei Selbstmordattentäter gleichzeitig ihre Sprengstoffwesten und rissen 40 Menschen in den Tod. Der mutmaßliche Anschlag auf die russische Urlaubermaschine über dem Sinai und der folgenschwere Anschlag in Ankara werden ebenfalls dem IS zugerechnet.

Experten sehen deshalb eine Entwicklung der Jihadistenmiliz von regional begrenzten Anschlägen hin zu groß angelegten Aktionen in Europa. „Der Schlag gegen Frankreich kündigt wohl die nächste Kampfetappe des IS an“, sagt Clint Watts, Politologe am US-Forschungsinstitut FPRI. „Wir werden einen weiteren Trend erleben von konventionellen Einsätzen in Irak und Syrien hin zu Terrorattacken auf der Basis ihres jetzt erweiterten Netzwerks.“

Die Analyse der Ereignisse über einen längeren Zeitraum veranlasst den Terrorismus-Experten Aymenn al-Tamimi allerdings zu der Aussage, es sei „fraglich, ob hier von einem Strategiewechsel gesprochen werden kann“. Er sieht dagegen eine erhöhte Schlagkraft des IS. „Was Europa betrifft, waren die Angriffe in Paris bisher beispiellos. Sie zeigen, dass die Jihadisten sich nun dort auf ausgebildete Netzwerke stützen und nicht mehr nur auf selbst ernannte einsame Wölfe.“

Politikwissenschaftler Charlie Winter, der sich ganz auf die Erforschung des IS spezialisiert hat, sagt: „Das ist die logische Evolutionslinie der IS-Strategie. Nach der Ausweitung und Konsolidierung ihrer Einflussgebiete in Irak, Syrien und Libyen nutzt die Gruppe nun die Gelegenheit für Anschläge in Ländern wie dem Libanon, am Golf und in Paris.“ Dabei habe Frankreich „ein ernsthaftes Problem. Im Durchschnitt gibt es hier die höchste Zahl an Kämpfern, die nach Syrien hin- und hergereist sind.“

Patrick Skinner, ein ehemaliger CIA-Beamter, der nun für die Sicherheitsfirma Soufan Group tätig ist, nimmt die französischen Geheimdienste gegen mögliche Kritik in Schutz: Sie hätten bei der Terrorabwehr einen guten Ruf, sie seien sogar „Weltklasse“, sagt er. Dass dem französischen Abwehrdienst die Vorbereitungen einer mindestens siebenköpfigen Zelle für eine komplexe Operation entging, sei „unvermeidlich. Und so etwas wird wieder passieren“.

Politologe Watts erklärt ebenfalls, „was jetzt passiert, basiert größtenteils auf der Fülle von Syrienkämpfern, die nach Europa zurückgekehrt sind“. Auf diese stütze sich der IS bei seiner Vergeltung für die „Angriffe der französischen Luftwaffe auf die Muslime im Kalifat“, wie es im IS-Bekennerschreiben hieß. Dort drohen die Jihadisten zugleich mit weiteren Anschlägen, „solange Frankreich seinen Kreuzzug fortsetzt“.

Im Zeitpunkt der Anschläge sehen die Experten aber auch einen von der IS erwünschten Ablenkungseffekt. Die irakischen Kurden hatten der Miliz zuletzt die Stadt Sinjar entrissen und sie aus dem Ort Al-Hol vertrieben, der im Nordosten Syriens an einer strategischen Versorgungsroute liegt. Und die syrischen Regierungstruppen durchbrachen nach über einem Jahr vor wenigen Tagen den Belagerungsring des IS um einen Militärflughafen im Norden des Landes.

„Wenn der Islamische Staat im eigenen Einsatzgebiet keine Erfolge erreicht, schlägt er mit Gewaltakten in den Nachbarländern und im Westen zu, um seine Reputation zu wahren“, erklärt Watts. Und auch Skinner analysiert: „Das war es wohl, was die Terroristen beabsichtigten. Dass wir nicht über Sinjar und den Tod ihrer Galionsfigur ‚Jihadi John‘ sprechen, sondern von Paris.“