G-20-Gipfel - Die Mächtigen und der dunkle Himmel über der Welt

Antalya/Paris (APA/dpa) - Wer, wenn nicht die Staats- und Regierungschefs eines Großteils der Welt könnte den IS-Terror bekämpfen? Sie müsst...

Antalya/Paris (APA/dpa) - Wer, wenn nicht die Staats- und Regierungschefs eines Großteils der Welt könnte den IS-Terror bekämpfen? Sie müssten sich nur einig sein. Womöglich könnte der G-20-Gipfel in der Türkei ein Meilenstein werden.

Den Himmel über Belek kann nichts trüben. Die Staats- und Regierungschefs von 20 wichtigen Industrie- und Schwellenländern sind bei strahlender Sonne in die Türkei gekommen. Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel steht beim traditionellen „Familienfoto“ in der Mitte der Mächtigen zwischen US-Präsident Barack Obama und dem türkischen Gastgeber Recep Tayyip Erdogan. Sie lächeln in die Kamera.

Aber bildlich ist der Himmel über der Welt rabenschwarz. Obama sagt es so: „Der Himmel hat sich verdunkelt durch die schrecklichen Angriffe, die in Paris stattfanden.“ Frankreich spricht von Krieg.

Die westliche Welt will diese politische Elite nun handeln sehen. Manche sprechen schon von der Gefahr eines asymmetrisch geführten Dritten Weltkriegs. Leere Worthülsen nach den Anschlägen mit mehr als 120 Toten in Paris wären wohl eine Bankrotterklärung für den G-20-Gipfel. Das will EU-Ratspräsident Donald Tusk verhindern. Er mahnt: „Frankreich erwartet Taten.“ Und: „Das kann nicht nur ein weiterer Gipfel sein. (...) Heute ist es Zeit zu handeln.“

Zeit zu handeln hatten die G-20-Staaten schon viel früher. Vor zwei Jahren auf dem Gipfel im russischen St. Petersburg ging es bereits um den 2011 ausgebrochenen blutigen Krieg in Syrien. Daraus entwickelte sich seitdem eine Flüchtlingskatastrophe. Eine Terrormiliz erstarkte, die sich Islamischer Staat (IS) nennt und Menschen auf grauenhafteste Weise umbringt. Doch 2013 kamen die G-20-Staaten vor lauter Streit nicht zueinander.

Jetzt sagt Merkel gleich zu Beginn des Treffens: „Wir setzen hier bei dem G-20-Gipfel ein entschlossenes Signal, dass wir stärker sind als jede Form von Terrorismus.“ Sie sagt zwar nicht, mit welchen Mitteln sie den Terror besiegen will. Reden allein dürfte bei entfesselten Mördern, die westliche Werte zerstören wollen, kaum helfen. Wie dann? Militärisch? Einige Gipfelteilnehmer setzen auf die Vereinten Nationen.

Deutschland etwa hat derzeit keine völkerrechtliche Grundlage für ein wie auch immer geartetes Engagement in Syrien. Mit einem UN-Mandat wäre das anders. Merkel betont immer wieder, die Fluchtursachen müssten bekämpft werden. In Belek sagt sie, das seien in diesem Fall: der IS, der Syrien-Krieg und die Konflikte im Irak.

Es ist ein grausamer Grund, aber durch den IS-Terror in Paris bekommt das von Erdogan auf die Tagesordnung gesetzte Thema Flüchtlinge und Terror noch mehr Gewicht. Es ist ohnehin ungewöhnlich für die G-20, die sich sonst mehr mit Wirtschaft und Finanzen beschäftigt. Doch für Merkel ist das auch eine Chance, mehr Solidarität bei der Verteilung der Flüchtlinge zu bekommen.

Zu Hunderttausenden haben sie sich nach Deutschland durchgeschlagen - viele von ihnen, um dem Morden des IS zu entkommen. Helfer, Polizei und Bürger haben nun aber Angst vor Überforderung. Merkel findet sich nach ihrer offenherzigen Aufnahme selbst in einer Krise wieder - vor allem mit ihrer eigenen Partei.

Die Kanzlerin nutzt ihren Draht zum Kremlchef Wladimir Putin für erneute Gespräche auf dem Gipfel am Sonntag. Und am Montag will sie mit Obama sprechen. Aber die Hauptakteure sind Putin und Obama. Sie werden mit Argusaugen verfolgt. Ein kurzer Händedruck der beiden, ein paar Worte sind der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass eine Eilmeldung wert. Später sitzen die beiden Präsidenten länger zusammen. Sie sind es, die wohl über den Durchbruch für Frieden in Syrien entscheiden. Doch ihre Interessen, Werte und Ansichten liegen weit auseinander.

Das Gipfelgelände ist weiträumig abgesperrt. Die Politiker führen ihre Gespräche hinter verschlossenen Türen. Die Journalisten können phasenweise via Bildschirm verfolgen, wer mit wem spricht - aber nicht was. So sieht man Merkel und Obama ins Gespräch vertieft gemeinsam mit Tusk zum ersten Arbeitsessen gehen.

Tusk fordert „jeden der G-20-Anführer“ dazu auf, sich bei Militäroperationen in Syrien auf den IS zu konzentrieren. Russland wird vorgeworfen, mit seinen Luftangriffen Gegner des Regimes des Machthabers Bashar al-Assad anzugreifen und weniger den IS.

Frankreich wird wohl nicht den Artikel 5 des NATO-Vertrags in Anspruch nehmen, so wie es die Amerikaner nach den Anschlägen am 11. September 2001 gemacht haben. Denn wenn die NATO den Bündnisfall ausriefe, könnte Russland nicht mit ins Boot geholt werden. Der Syrien-Krieg wird aber ohne Assads Verbündeten nicht zu beenden sein.

Über die eigentlichen Themen des Treffens in der Türkei - Energie, Klimawandel, Steuerpolitik - soll trotzdem wie geplant verhandelt werden. Diesen Triumph dürfe der IS nicht auch noch feiern, dass der G-20-Gipfel seinen Fahrplan aufgibt. Das sei man auch Frankreich schuldig, das von Ende November an die Weltklimakonferenz ausrichtet.

Und dann kann eine Minute des Schweigens wieder eindrucksvoller sein als stundenlange Gespräche. Zu Beginn ihres Gipfels gedenken die Politiker der IS-Opfer in Paris, der Toten des großen Anschlags in Ankara. Viele dürften dabei auch an die Toten beim Absturz einer russischen Passagiermaschine über der Sinai-Halbinsel und nicht zuletzt an das Trauma der USA vom 11. September 2001 gedacht haben. Vereint in Trauer und der Sorge vor nicht endender Gewalt.