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Der rhetorische Krieg mit dem Islamischen Staat

Während sich die Terrororganisation selbst „Islamischer Staat“ nennt, achten französische, englische und amerikanische Politiker penibel darauf, sie als „Daesch“ zu bezeichnen. Dahinter steckt auch rhetorische Kriegsführung.

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Ein IS-Anhänger wendet sich in einem Video an die Anhänger. Die Terrororganisation steuert ihre Kommunikation professionell organisiert über die verschiedensten Kanäle.
© REUTERS

Paris, London, Washington – Als Präsident Francois Hollande am Samstag vor die unzähligen Kameras trat, um ein Statement zu den Terroranschlägen mitten in Paris abzugeben, wählte er seine Worte mit Bedacht: „Das ist ein Kriegsakt, der von einer terroristischen Armee, der Daesch, verübt wurde“, sagte Hollande in Paris.

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„Daesch“, so nennen Politiker allen voran Frankreichs – mittlerweile aber auch Großbritanniens und der USA die Terrororganisation „Islamischer Staat“ konsequent. Es ist eine Art der psychologischen Kriegsführung, denn die Bezeichnung „Daesch“ gefällt den Kriegern des Kalifats so gar nicht.

Viele Namen in den letzten Jahren

Um die Hintergründe zu verstehen, muss man zunächst in der Geschichte der Terrorganisation zurückgehen. Als die Gruppe 1999 gegründet wurde, nannte sie sie „Jamaat al-Tawhid wal-Jihad“, was so viel wie „Gemeinschaft und Jihad“ bedeutet. 2004 bezeichnete sie der Terrorchef Abu Musab al-Zarqawi als „Al Kaida des Iraks“ („Tanzim Qaidat al-Jihad fi Bilad al-Rafidayn“).

Als die Terroristen im Jahr 2006 immer mehr Überläufer im Irak empfangen konnten, gaben sie sich wieder einen neuen Namen. Sie wollten einen eigenen Staat im Nordirak ausrufen. Deshalb nannten sie sich von nun an „Islamischer Staat im Irak“. Später kamen auch Territorien in Syrien hinzu, die die Terroristen in ihre Gewalt brachten, was in ihrer Logik eine Namensänderung in „Islamischer Staat im Irak und al-Sham“ (ISIS) mit sich brachte. Al-Sham bezieht sich auf ein geographisches Gebiet entlang des östlichen Mittelmeers, das auch Syrien miteinbezieht. Al-Sham wird von einigen Übersetzern auch als Levante (Land der aufgehenden Sonne) bezeichnet, wodurch sich der Name ISIL ergibt.

„Der, der Zwietracht sät“

Der vollständige Name auf Arabisch ergibt daraus: al-Dawla al-Islamiya fi Iraq wa al-Sham – abgekürzt DAIISH. Im Englischen wurde daraus „Daesh“. Für arabischsprechende Menschen klingt das schrecklich, denn „dahes“ bedeutet so viel wie „jemand, der Zwietracht sät“. Diese Bezeichnung ist deshalb auch dem „Islamischen Staat“ ein Dorn im Auge, denn die Konnotation passt nicht zu der Botschaft, die die Extremisten mit ihren Gräueltaten in die Welt schicken wollen.

Die Terrororganisation selbst bezeichnet sich als „Islamischer Staat“ und möchte auch so genannt werden. Denn darum geht es ihr – einen eigenen Staat zu gründen, ein Kalifat im Namen des Islam, den sie so schandhaft auslegen. Die Bezeichnung „Daesh“ ist in den Hochburgen der IS-Anhänger übrigens verboten. Darauf stehen drakonische Strafen.

Politiker achten umso mehr darauf, die Organisation als „Daesh“ zu titulieren, denn die andere Bezeichnung hilft den Terroristen, ihre Botschaft zu verbreiten. Außerdem unterstützt es die Islamisten, den Islam in einem Atemzug mit der Terrororganisation zu nennen. Sie wollen implizieren, dass es nur einen Staat gibt, zu dem echte Muslime gehören: nämlich ihren eigenen. Auf diese Art und Weise rekrutieren die Krieger auch Mitglieder in aller Welt, es hilft ihnen dabei, willfähige Männer und Frauen zu finden, die sich im Namen des Islam nur zu gerne in die Luft sprengen und dabei Unschuldige mit in den Tod reißen. Vor dem Hintergrund „Islamischer Staat“ wird alles gerechtfertigt: Mord, Vergewaltigung, Lynchsjustiz, Terror.

ISIS hat nichts mit Islam zu tun

Indem Regierungen das selbst ausgerufene Kalifat als „Daesh“ bezeichnen, sprechen sie ihm die Legitimation ab, ein Staat zu sein. Außerdem bringt der Ausdruck die Gruppierung nicht in Verbindung mit dem Islam, der eine Glaubensrichtung ist, und von gewaltbereiten Extremisten für ihre Zwecke missbraucht wird.

David Cameron bezeichnete den Namen „Islamischer Staat“ in einem BBC-Fernseh-Interview als eine „Perversion der Religion des Islam – und viele Muslime werden erschüttert zurückprallen, jedes Mal, wenn sie die Bezeichnung ‚Islamischer Staat‘ hören.“

Medien verwenden hingegen für gewöhnlich den Begriff „IS“, was einzig der Genauigkeit geschuldet ist, denn so bezeichnet sich die Gruppe selbst. Hinzu kommt, dass diese Bezeichnung sich bei Lesern, Zusehern oder Hörern besser eingeprägt hat, wohingegen „Daesh“ eine bei vielen unverständliche Abkürzung ist.

Bedeutend ist aber auch hier der Zusatz „Terrororganisation“, denn als solche sieht sich der „Islamische Staat“ nicht. Vielmehr glauben die Extremisten, dass sie eine „islamistische Regierung“ sind. Die einzig wahre Regierung.

Es ist wichtig, zu verstehen, wie die Organisation funktioniert und sich selbst sieht, wenn man sie bekämpfen will. Denn die „IS“ betrachtet sich als Territorium, als abgeschlossenes Gebiet, das verteidigt werden muss. Gegen die Ungläubigen, gegen Nicht-Muslime – gegen alle, die sich dagegenstellen. Die logische Konsequenz: Jeder, der den Islamischen Staat bedroht, muss mit Vergeltung rechnen. Jeder, der nicht dazugehört, muss exekutiert werden. Egal, wo in der Welt.

Frankreich, England, Deutschland und Amerika im Allgemeinen, weil sie die Terroristen mit Luftangriffen bekämpfen. Journalisten wie James Foley, Steven Sotloff, David Haines, Alan Henning, Peter Kassig, Haruna Yukawa oder Kenji Goto im Besonderen, weil sie im Namen der Ungläubigen schnüffeln. Und nicht zu vergessen die vielen Hunderte, Tausende und bald Abertausende rechtschaffenen Syrer und Iraker, Kurden, Schiiten, Christen und Jesiden, die ihr Leben lassen mussten und noch müssen, weil sie dem Wahnsinn des „Islamischen Staates“ nicht Folge leisten wollen. (rena; mit Material von „The Guardian“, „The Independent“ und „Vox.com“)


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