Millionen Nächtigungen durch warme Winter bedroht
Schneemangel kann Österreich 2,1 Mio. Übernachtungen pro Jahr kosten, warnt Grazer Klimaforscher. Schneekanonen können Naturschnee bremsen.
Graz –Der Klimawandel könnte die heimischen Touristiker schon bald vor dramatische Nächtigungsprobleme stellen. Bei einer Erderwärmung um zwei Grad und den folgenden Klimaveränderungen könnten die Nächtigungen in den Wintersportorten der europäischen Top-10-Wintersportnationen um 4,5 Mio. Übernachtungen jährlich zurückgehen, schildert der Grazer Volkswirt Franz Prettenthaler. Er forscht am Joanneum Research rund um Klimarisiko und -schutz. Seine Berechnungen beruhen auf unterschiedlichen Klimamodellen und Beobachtungen des Kundenverhaltens.
„Der Wintertourismus in Österreich und Italien wäre von diesem Szenario besonders betroffen“, sagt Prettenthaler. Er geht aufgrund seiner Studien zur Abhängigkeit von Naturschneebedingungen von einem Minus von bis zu 2,1 Mio. Nächtigungen in Österreich aus. Vor allem im Westen und Süden seien die höchsten Winter-Einbußen zu befürchten.
Laut ZAMG war das Jahr 2015 in Österreich das zweitwärmste Jahr und eines der zwanzig trockensten der 247-jährigen Messgeschichte. Für die hochalpinen Regionen zeichnet sich überhaupt das wärmste Jahr der Messgeschichte ab.
Beschneiungsanlagen könnten die Austro-Pisten zwar weitgehend schneebedeckt halten, „aber es zählt nicht nur die Piste, sondern auch die malerische verschneite Landschaft, die es dann zunehmend nicht mehr gibt“, meint Prettenthaler. Darüber hinaus seien die Beschneiungsmöglichkeiten begrenzt. Schon derzeit seien mehr als 60 % der Pisten mit Beschneiungsanlagen ausgerüstet. „Aber ihr Einsatz wird durch steigende Temperaturen und die Verfügbarkeit von Wasser eingeschränkt“, gibt der Experte zu bedenken. Hier sei es nicht mehr angebracht, der Zukunft mit Zweckoptimismus zu begegnen.
Damit kontert Prettenthaler implizit auch Aussagen der Seilbahnbranche zum Klimawandel, die kürzlich bei einer Pressekonferenz erklärt hat, dass die Winter ab einer gewissen Seehöhe sogar kälter würden. Seilbahn-Obmann Franz Hörl erklärte den Wintertourismus in Österreich deswegen für die nächsten 20 oder 30 Jahre als gesichert.
Laut einem Bericht des Standard legen deutsche Forschungsergebnisse indes nahe, dass der großflächige Einsatz von Schneekanonen das Mikroklima in einzelnen Tälern so verändern kann, dass letztlich weniger Naturschnee zusammenkommt. Das Blatt verweist auf Daten des Niederschlagsforschers Wolfgang Junkermann. Demnach würden durch Schneekanonen Mikropartikel in der Luft zurückbleiben, wodurch die aus der Luftfeuchtigkeit gebildeten Tröpfchen kleiner würden und langsamer auf die Erde fallen. Die Niederschlagsmenge nehme dadurch ab, hießt es. Auf Großwetterlagen habe dies freilich keinen Einfluss.
In Tirol sorgt die maue Schneelage vor Weihnachten bislang nur für vereinzelte Stornos, wie ein TT-Rundruf vor wenigen Tagen ergab. Doch die Nervosität ist in vielen Regionen groß – vor allem in tiefen Lagen. (TT, APA)
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