„Charlie Hebdo“-Anschlag - Auftakt für beispielloses Terror-Jahr

Paris (APA) - Vor einem Jahr haben die islamistischen Anschläge auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und einen koscheren Supermarkt in Pari...

Paris (APA) - Vor einem Jahr haben die islamistischen Anschläge auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ und einen koscheren Supermarkt in Paris, Frankreich und die ganze Welt erschüttert. Dass sie nur der Auftakt waren für ein in der jüngeren Geschichte des Landes beispielloses Jahr des Terrors, ahnte damals noch niemand. Heute ist die Angst vor islamistischen Attacken gegenwärtiger denn je.

Insgesamt zwölf Menschen starben als die beiden Brüder Cherif und Said Kouachi am 7. Jänner 2015 kurz vor Mittag die Redaktionsräume von „Charlie Hebdo“ stürmten und mit Kalaschnikows um sich schossen. Zu den Opfern zählten einige der bekanntesten Karikaturisten Frankreichs, wie Stephane Charbonnier (Charb), Jean Cabut (Cabu), Philippe Honore oder Georges Wolinski. Nach zwei Tagen auf der Flucht wurden die beiden Täter, die sich zur Al-Kaida auf der arabischen Halbinsel (AQAP) bekannten, in einer Druckerei nördlich von Paris von Sondereinsatzkräften erschossen.

Die Brüder Kouachi standen in Kontakt zu Amedy Coulibaly, alle drei hatten sich vorwiegend in Frankreich und sprichwörtlich unter den Augen des französischen Geheimdienstes radikalisiert. Letzterer gab an, im Namen der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) zu handeln und erschoss am Tag nach dem „Charlie Hebdo“-Attentat eine Polizistin im Süden von Paris. Wiederum einen Tag später nahm er Kunden eines koscheren Supermarktes als Geiseln - vier von ihnen tötete er, bevor die Polizei den Markt stürmte und Coulibaly erschoss. Insgesamt starben an den drei Terrortagen im Jänner 17 Opfer.

Europäische und internationale Spitzenpolitiker reagierten mit Entsetzten, rund 50 von ihnen beteiligten sich wenige Tage nach den Anschlägen gemeinsam mit 1,5 Millionen Franzosen am „Republikanischen Marsch“ durch das Zentrum von Paris. Neben Anerkennung für diese Geste der Solidarität, sorgte schon damals die Teilnahme umstrittener Persönlichkeiten für Kritik. Der türkische Premier Ahmet Davutoglu, Russlands Außenminister Sergej Lawrow, der gabunische Präsidenten Ali Bongo oder auch Ungarns Premier Viktor Orban gelten alle nicht unbedingt als Verteidiger der Meinungsfreiheit.

Vor allem aber war der „Republikanische Marsch“ eine Vorschau auf das, was Frankreich in den nächsten Monaten erwarten sollte. Möglich war der gemeinsame Aufmarsch der Spitzenpolitiker wider den Terror nur aufgrund massiver Sicherheitsmaßnahmen, die Paris an diesem Tag beinahe zum Stillstand kommen ließen. Kurze Zeit später brachte die französische Regierung eines der umfassendsten Geheimdienstgesetzte Europas auf den Weg, das Lauschangriffe ohne Zustimmung eines Richters sowie ein Monitoring der gesamten Internetkommunikation erlaubt. Auch die höchste Terrorwarnstufe - die Attentatswarnung - ist in Paris seit nunmehr einem Jahr ununterbrochen in Kraft.

Verhindert hat das die verheerenden Anschläge vom 13. November, als islamistische Extremisten beinahe zeitgleich das Feuer auf mehrere Bars und Restaurants sowie im bekannten Konzertsaal „Bataclan“ eröffneten, freilich nicht. Die Attacke, bei der 130 Menschen starben, war nach heutigem Kenntnisstand in Belgien vorbereitet und auch von dort aus koordiniert worden. Trotz eines unmittelbar nach der Attacke verhängten Ausnahmezustandes und Grenzkontrollen konnten die französischen Behörden die Ausreise eines mutmaßlichen Beteiligten - des heute weltweit gesuchten Salah Abdeslam - nach Belgien nicht verhindern.

Auch aufgrund des auf drei Monate ausgedehnten Ausnahmezustandes, der den Sicherheitskräften etwa nächtliche Wohnungsdurchsuchungen ohne richterlichen Beschluss oder Hausarrest für potenzielle Gefährder erlaubt, wurden in den Wochen danach unzählige Razzien rund um Paris durchgeführt: Fast 3.000 waren es bis Jahresende, knapp 400 Menschen wurden mit Hausarrest belegt, mehr als 500 Verfahren eingeleitet. Nicht nur weil diese Razzien oft Unschuldige treffen, übte etwa die französische Menschenrechtsliga heftige Kritik an den Maßnahmen. Auch sind es immer wieder ganz gewöhnliche Kriminelle, die ins Visier der Terrorfahnder geraten: So wurden etwa 181 der gut 500 Verfahren wegen Rauschgiftdelikten eingeleitet.

Die Kritik ist umso heftiger, als die Terrorgefahr im vergangenen Jahr eher zugenommen als abgenommen zu haben scheint und der Anschlag vom 13. November der schlimmste in Europa seit der Al-Kaida-Attacke auf die Vorstadtzüge von Madrid 2004 war. „Ich schulde Ihnen die Wahrheit“, gab sich der französische Präsident Francois Hollande zuletzt bei seiner Neujahrsbotschaft pessimistisch. „Wir haben den Terrorismus noch nicht besiegt, die Bedrohung ist noch immer da, auf höchstem Niveau, wir vereiteln regelmäßig Attentate.“

Und nirgendwo war das zuletzt sichtbarer als bei den Silvesterfeierlichkeiten, die vielerorts in Europa unter nie zuvor gekannten Sicherheitsvorkehrungen stattfanden. Alleine rund um den Wiener Silvesterpfad waren 500 Polizisten im Einsatz, in Paris waren es 11.000, das traditionelle Feuerwerk wurde ebenso wie in Brüssel, wo noch am Vormittag sechs Terrorverdächtige festgenommen wurden, abgesagt. Und in München ließ die Polizei in den Abendstunden blitzartig den Hauptbahnhof und den Bahnhof Pasing räumen, nachdem es zuvor „konkrete“ Hinweise auf einen Anschlag durch IS-Terroristen gegeben hatte.

Vielleicht ist es aber gerade die Silvesternacht, die etwas Hoffnung geben kann. Denn allen Terrorwarnungen zum Trotz ließen sich Hunderttausende in Paris, in Wien, in München nicht davon abhalten, den Jahreswechsel gebührend zu feiern. „Freunde aus der ganzen Welt, ich danke euch für #prayforparis, aber wir brauchen nicht noch mehr Religion. Unser Glaube gilt der Musik! Küssen! Leben! Champagner und der Freude“, schrieb bereits der französische Karikaturist Joann Sfar unmittelbar nach den Anschlägen vom 13. November.