Akademie-Rektorin 2: Tiefspeicher und -garage am Heldenplatz unsinnig
Wien (APA) - APA: Vor einem Jahr haben Sie vorgeschlagen, die Wiener Festwochen zu teilen und im Herbst gemeinsam mit der Art Week eine Bild...
Wien (APA) - APA: Vor einem Jahr haben Sie vorgeschlagen, die Wiener Festwochen zu teilen und im Herbst gemeinsam mit der Art Week eine Bildende-Kunst-Sparte zu etablieren. Hat sich seither etwas getan?
Blimlinger: Die alte Intendanz hat das klar abgelehnt. Bildende Kunst findet in ihrer ganzen Breite, wenn man das in einer Art Festivalstruktur denkt, im Herbst statt: Das sind die beiden Messen, vor allem aber die Art Week, die mit hoher internationaler Beteiligung stattfindet - also sicher den Festwochen vergleichbar ist. Ich denke, dass eine Profilierung von Bereichen sinnvoll ist, denn erst dann funktioniert das Spartenübergreifende, das auch von der Politik gewünscht wird. Spartenübergreifend kann ja nicht heißen, dass ich eine Mantsche aus allem mache. Leider ist auch von der Politik gleich abwehrend reagiert worden - weil immer die Panik ausbricht, man wolle Geld haben. Aber darum geht es gar nicht. Vielleicht kann man mit der neuen Leitung der Festwochen, die ja einen anderen Ansatz hat, schauen, ob es in Zukunft heißen könnte: Im Frühjahr machen die Festwochen Interdisziplinäres, Theater, Musik, Performance, im Herbst Bildende Kunst. Tomas Zierhofer-Kin ist jedenfalls nicht abgeneigt, darüber zu reden.
APA: Sie sind auch Mitglied der Steuerungsgruppe für ein großes Projekt von Kulturminister Ostermayer - dem Haus der Geschichte. Alles begann mit elf Millionen Euro, bei denen der Minister gesagt hat: Die werden beim Weltmuseum Wien eingespart, und damit machen wir gleich noch ein neues Museum. Wir halten im Moment beim zehnfachen Betrag, wo allerdings auch Tiefspeicher und Tiefgarage inkludiert sind. Sehen Sie dieses Geld für das, was die Republik dafür bekommt, gut angelegt?
Blimlinger: Nein, das wäre nicht gut angelegt. Und es wird sich mit dieser Summe nicht ausgehen. Die 111 Millionen haben eine Schwankungsbreite von 25 Prozent, und das ist ein Nettobetrag ohne Bauzinsen. Also sind wir insgesamt bei gut 170, 180 Millionen. Dabei hat es, anders als beim Weltmuseum, bei dem sich viele Fachleute dagegen ausgesprochen haben, das ausgerechnet in diesen Zeiten zu reduzieren, nie eine Community aus Museumsleuten, Historikerinnen und Historikern gegeben, die gesagt hat: Super, machen wir ein Haus der Geschichte!
APA: Gibt es also unter den Historikern kein Desiderat, man müsse sich mehr der österreichischen Nationalgeschichte widmen?
Blimlinger: Nein. Es geht politisch darum, ein nationales Narrativ zu etablieren. Parteipolitisch wird das so diskutiert, als würde man kurz nach dem 12. Februar 1934 stehen. Diese elendsöden Debatten um hier erstes Opfer der Nationalsozialisten und da Arbeitermörder sind aber nicht mehr ernsthaft diskutierbar - zumal ich mir sicher bin, dass 90 Prozent der Österreicher und Österreicherinnen überhaupt nicht mehr wissen, wer der Herr Dollfuß war. Geschichte ist heute natürlich vollkommen anders zu vermitteln, kleinteilig und zielgruppenorientiert. Was aus meiner Sicht gut funktioniert, ist die Demokratiewerkstatt im Palais Epstein, wo bestimmte Inhalte, nämlich jene der parlamentarischen Demokratie, in Workshops vermittelt werden. Aber es ist doch vollkommen absurd zu glauben, dass ich etwas erreiche, wenn ich Kids zwei Stunden durch ein Museum schleuse. Die abweisende Architektur der staatlichen Repräsentanz lockt die Jugend nicht an. Abgesehen davon plant man im Parlament ja auch gerade eine Ausstellungsfläche - zur Darstellung der Geschichte des Parlaments. Natürlich könnte man auch sagen, ich mache die totale Touristen-Präsentation und gebe etwa zum Sisi-Museum noch ein Ordens-Museum dazu - Österreich als Disneyland. Aber dazu brauch ich kein Haus der Geschichte.
APA: Dieses gesuchte nationale Narrativ scheint genau in den Backlash zu passen, den wir heute erleben - von der Vereinigung zurück zur Vereinzelung, vom grenzenlosen Europa zu einem Europa der Grenzen.
Blimlinger: Natürlich. Ich halte das nicht für einen Zufall. Außerdem ist es wieder eine Konzentration von Herrschaftswissen im Zentrum der Stadt. Dann gehe ich doch lieber nach Simmering oder Favoriten. Und abgesehen davon: Warum diese Wien-Zentriertheit?
APA: Mit dem Haus der Zukunft hat das Haus der Geschichte eine Art Appendix bekommen. Ist das ein großkoalitionärer Abtausch - oder kann das was?
Blimlinger: Es kann gar nichts. Aber als Historikerin finde ich es natürlich wahnsinnig interessant, dass sich die Sozialdemokratie der Geschichte annimmt und die Konservativen der Zukunft. Diese Konstellation finde ich besonders lustig. Von meinem Verständnis dieser Parteien wäre es ja eigentlich umgekehrt. Und natürlich ist es ein parteipolitischer Abtausch, mal abgesehen davon, dass wir nicht im Entferntesten wissen, was in diesem Haus der Zukunft stattfinden soll. Und was soll ein Haus der Geschichte ohne Zukunft?
APA: Das soll ja Teil des Konzeptes sein - dass der Inhalt in einem partizipativen Prozess festgelegt wird. In Ihrer Rechnung von 170/180 Mio. Euro ist das Haus der Zukunft noch gar nicht drinnen. Welche Kosten kämen da noch dazu?
Blimlinger: Wenn man an einen Neubau denkt, muss man wohl mit weiteren 60 bis 80 Millionen rechnen. Aber ich brauche dort kein Haus der Geschichte Österreichs und auch kein Haus der Zukunft. Ich brauche dort aber auch keinen Tiefspeicher. Jeder Experte im Bereich des Bibliothekswesens wird Ihnen sagen, dass Tiefspeicher für Bücher ungeeignet sind, weil man auch mit den besten Methoden nicht sicher sein kann, dass es dort keinen Wassereintritt gibt, siehe Albertina. In Wirklichkeit könnte man diese elf Millionen von Ostermayer nehmen, acht Millionen davon den österreichischen Heimat- und Bezirksmuseen geben, und drei Millionen geben wir für die Begrünung des Heldenplatzes aus. Damit wäre allen wunderbar gedient.
APA: Die Nationalbibliothek sagt aber, sie braucht eine gewisse geografischen Nähe des Bücherspeichers für den Leihverkehr.
Blimlinger: Es gibt sicherlich einen Bestand an Büchern, der seit zehn, fünfzehn Jahren nicht ausgeborgt wurde. Für den reicht, glaube ich, ein Shuttle-Dienst, der dreimal in der Woche Bücher aus dem Außendepot holt. Ich denke, „Heldenplatz neu“ kann eigentlich nur heißen, dass die Autos dort verschwinden. Aber dazu brauche ich keine Tiefgarage, denn schon die Parkgarage im Museumsquartier ist nicht ausgelastet. Ohne parkende Autos könnte der Heldenplatz wirklich ein Platz sein, an dem sich die Menschen aufhalten können. Es muss ja nicht unbedingt jedes zweite Wochenende ein Erntedankfest, eine Panzerpräsentation oder eine Lipizzanerschau stattfinden. Kann man nicht einfach einmal einen Platz als Platz lassen? Davor fürchten sich die Österreicher aber offensichtlich.
APA: Der horror vacui Austriae? Vielleicht könnte der Heldenplatz aber durch eine architektonische Landmark mehr zum Platz der Republik werden?
Blimlinger: Man muss sich entscheiden: Will man nur ein Zeichen, das aber keine Funktion hat - ein Republikzeichen? Oder ein Zeichen mit Funktion? Dann muss ich mir schon sehr genau überlegen, warum ich das dort will und mit welchem Inhalt. Professor Gerhard Steixner von der TU Wien macht seit Jahren Projekte mit Studierenden, wie man den Heldenplatz neu machen könnte. Da gibt es ganz viele Varianten und großartige Projekte - aber das wird alles nicht passieren. Weil es a) der Denkmalschutz nicht zulassen wird, und weil es b) eine Mordstrumm Streiterei geben würde - Stichwort Leseturm Museumsquartier. Diesen Mut bringt niemand auf. Und genau das ist das Problem.
(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)
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