Evolution statt Revolution: Edlinger findet „gut bestelltes Feld“ vor

Wien/Krems (APA) - Für das kommende donaufestival in Krems wurden kürzlich die ersten Acts vorgestellt, und dennoch wirft die Ausgabe 2017 s...

Wien/Krems (APA) - Für das kommende donaufestival in Krems wurden kürzlich die ersten Acts vorgestellt, und dennoch wirft die Ausgabe 2017 schon ihren Schatten voraus. Sie markiert Thomas Edlingers Einstand als künstlerischer Leiter: „Wir sind jetzt gerade in der Entwurfsphase, in der wir prinzipielle Überlegungen zur Weiterführung und kleinen Änderungen angestoßen haben.“ Ganz gemäß dem Motto „redefining arts“.

Dieses hat das Festival seit der 2005 erfolgten Neuaufstellung durch Edlingers Vorgänger Tomas Zierhofer-Kin, der in der Bundeshauptstadt die Wiener Festwochen übernehmen wird, geprägt. Die Entwicklung des donaufestivals habe Edlinger jedenfalls „mit großem Interesse und sympathisierender Verbundenheit“ verfolgt. Man konnte sich als zeitgenössisches und international angesehenes Mehrspartenfestival in einem regionalen Umfeld etablieren. „Ich freue mich sehr darauf, das machen zu dürfen“, betonte Edlinger im APA-Interview.

Der FM4-Moderator und freie Autor war immer wieder auch als Kurator tätig, „und da häufig bei thematisch interdisziplinären Projekten. Insofern hat es auch auf einer praktischen Ebene ein gewisses Naheverhältnis gegeben“, erläuterte Edlinger, warum ihn die Aufgabe gereizt habe. Eine Herausforderung sei es in jedem Fall. „Ich reite ja nicht in einen wilden Acker rein, wo man alles neu jäten und säen muss“, streute er der Arbeit von Zierhofer-Kin Rosen. „Ich finde also ein sehr gut bestelltes Feld vor, in dem ich sicher keine Revolution starten werde, sondern eher eine Evolution.“

Auf die „Transformationsfähigkeit“ des donaufestivals werde ja schon in dessen Claim „redefining arts“ hingewiesen. „Das Festival ist nicht festgeschrieben in seinen Mischverhältnissen. Insofern obliegt es einer neuen künstlerischen Leitung, hier Akzente zu setzen, ohne dass das ein Bruch mit der Aufgabenstellung wäre.“ Schon bisher kam es in der programmatischen Zusammensetzung von Musik, Performance und bildender Kunst zu Überlappungen - und das an mitunter unüblichen Locations. Denn jenseits der Messehallen oder der Minoritenkirche wanderten Acts gerne durch Krems. „Es gibt Überlegungen, neue, andere Spielorte zu erschließen“, unterstrich Edlinger. „Das Ergebnis ist aber immer ein Kompromiss zwischen Wunsch und Wirklichkeit.“

Einen anderen Ansatz verfolgt der designierte Leiter hinsichtlich seiner Vorstellung vom „Labor zur Sondierung der Gegenwart“, wie er erklärte. So soll das donaufestival „zum Ort einer relevanten Kommunikation“ werden, wo man sich mit Fragen wie „Wie können, sollen, müssen wir leben? Und wer ist überhaupt dieses Wir?“ auseinandersetzt. „Zu diesem Zweck werden wir versuchen, bisher nicht so im Vordergrund stehende Bereiche aufzuwerten. Das, was man vielleicht unter dem Label der Theorie versteht - aber nicht als trockene, akademische Veranstaltung, sondern als lebendige Auseinandersetzung mit Fragen der Gegenwart, die auch mit neuen Formaten dargestellt werden kann.“ So könnten „thematische Bündelungen und Verdichtungen, die sich wie ein roter Faden durch das Festival ziehen“, geschaffen werden.

Vielfältige Reaktionen in der Kulturszene hat auch die Flüchtlingskatastrophe hervorgerufen. „Ein Festival findet natürlich nicht außerhalb der Zeit statt“, betonte Edlinger. „Aber die Frage ist: In welcher Form bildet man die aktuellen politischen und ökonomischen Krisen ab?“ Die Krise sei seit längerem ein Dauerzustand, die Situation mit den Flüchtlingen eine akute. „Es gibt aber auch eine Form der allzu direkten, rein auf Betroffenheit schielenden Einarbeitung solcher Themen, die ich doch zumindest problematisch finde.“ Für das donaufestival könne er sich reflexive Übertragungen vorstellen - also Reaktionen in einer „nicht so unmittelbaren Form, wie es anderswo gemacht wird“.

Ein anderes Thema sind die Festivalbesucher - zugegebenermaßen ein „urbanes, zeitgenössisches Publikum“, so Edlinger. „Das schließt ein regionales Publikum nicht aus, aber es ist tatsächlich so, dass es ein international orientiertes Festival ist, das in einem regionalen Zusammenhang steht. Die Herausforderung besteht darin, zwischen dieser Ortsspezifität und dem internationalen Anspruch zu vermitteln.“ Klar sei aber auch, dass das Publikum akzeptiert hat beziehungsweise erwartet, dass es „eine gewisse avancierte Programmierung“ gibt.

Angehen wird Edlinger, der kürzlich den Essay „Der wunde Punkt. Vom Unbehagen der Kritik“ veröffentlicht hat, all das mit dem bewährten Team, das um Bettina Kogler ergänzt wird. Sie wurde als neue Kuratorin für den Performancebereich gewonnen, den sie auch im Wiener WUK betreut. Bis diese Arbeit Früchte tragen wird, kann man noch die letzte Ausgabe unter Zierhofer-Kin besuchen: Für das Festival von 29. April bis 7. Mai 2016 wurden unter anderem Saint Genet, Tim Hecker, Le1f, DJ Koze und God‘s Entertainment bereits bestätigt.

(ZUR PERSON: Thomas Edlinger wurde 1967 in Wien geboren und studierte Philosophie, Publizistik und Germanistik. Einen Namen machte er sich unter anderem als Moderator bei FM4, wo er gemeinsam mit Fritz Ostermayer die sonntägliche Sendung „Im Sumpf“ gestaltet. Edlinger ist auch als Kulturjournalist und freier Autor tätig, fungierte als Kurator für das O.K. Centrum für Gegenwartskunst in Linz (2002 bis 2004) und das Linzer Kunstmuseum Lentos (2004 bis 2006) und realisierte auch im Medienturm Graz sowie im Rahmen des steirischen herbsts Projekte. Er folgt beim donaufestival in Krems nach der Ausgabe 2016 auf Tomas Zierhofer-Kin als künstlerischer Leiter. Zuletzt ist von Edlinger der Essay „Der wunde Punkt. Vom Unbehagen an der Kritik“ in der Edition Suhrkamp erschienen.)

(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)

(S E R V I C E - www.donaufestival.at)