China zieht nach erneutem Börsencrash die Notbremse
Fehlstart ins neue Jahr: Kaum haben Chinas Aktienmärkte geöffnet, brechen die Kurse massiv ein. Es fehlt an Vertrauen. Auch herrscht Ungewissheit, ob Chinas Führung eine offene Krise bewältigen kann.
Von Andreas Landwehr, dpa
Peking - Schlechter hätte Chinas Wirtschaft kaum ins neue Jahr starten können. Die Aktienkurse rutschen tief in den Keller, auch sind die Wachstumsaussichten getrübt. Die Zweifel wachsen, ob Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping die zweitgrößte Volkswirtschaft auf den angestrebten Reformkurs bringen kann. Nur mit einer Notbremsung konnten die Aufsichtsbehörden am Montag einen noch größeren Einbruch an den Aktienmärkten in Shanghai und Shenzhen verhindern: Erstmals in ihrer 25-jährigen Geschichte wurde der Handel einfach ausgesetzt.
Kursstürze auch an Europas Aktienmärkten
Auch an den Aktienmärkten in Europa kam es dadurch zu Kursstürzen. Dax und EuroStoxx50 brachen um jeweils mehr als drei Prozent ein. Auch der ATX notierte am Vormittag um mehr als 2 Prozent im Minus.
„Dieser drastische Einbruch an Chinas Börsen ist ein Indikator für die wachsende Ungewissheit über Chinas wirtschaftliche Gesundheit“, sagte Sebastian Heilmann, Direktor des China-Instituts Merics in Berlin. „Viele Anleger bezweifeln, dass Nachfrage- und Investitionsschwächen sowie die Überkapazitäten durch das Wachstum von Dienstleistungen, Konsum und Innovation tatsächlich so bruchlos kompensiert werden können, wie es Chinas Regierung anstrebt.“
Neuer Sicherheitsmechanismus ging nach hinten los
Was als neuer Sicherheitsmechanismus an den Börsen gedacht war, löste eine Abwärtsspirale aus. So wurde mit dem Jahresbeginn des Handels erstmals eine neue Regel eingeführt, wonach der Handel für 15 Minuten ausgesetzt wird, wenn der China Securities Index (CSI) für 300 führende Werte in Shanghai und Shenzhen um mehr als fünf Prozent fällt. Bei sieben Prozent muss der Handel für den Rest des Tages ausgesetzt werden - was prompt passierte, weil die erste Unterbrechung die Investoren so alarmiert hatte, dass erst recht verkauft wurde.
Kein Zweifel, China droht ein neues Jahr mit Turbulenzen an seinen Börsen. Zwar war es nach der Berg- und Talfahrt seit vergangenem Sommer zuletzt wieder ruhiger geworden, doch sind die Probleme ungelöst. Es sind die Folgen der Aktienblase, die die staatliche Propaganda seit 2014 bewusst aufgebläht hatte, indem Haushalte zum Einstieg in Aktien ermuntert worden waren. Damit sollte die Finanzierung hoch verschuldeter Staatsunternehmen oder auch kapitalarmer Technologie-Startups erleichtert werden.
Gewaltige Finanzspritzen nützten nur kurzfristig
Während dem Wachstum der chinesischen Wirtschaft aber zunehmend die Puste ausging, entfernten sich die Kurse immer weiter von der Realwirtschaft, bis die vielfach auch kreditfinanzierte Aktienblase im Sommer platzte. Wie viele Kleinanleger hatte sich die Regierung verspekuliert. Zwar wäre eine schmerzhafte Korrektur nötig gewesen, aber damit das Volk die Schuld nicht beim neuen Führer Xi Jinping sucht, setzte die Regierung alle Hebel an, um die Kurse zu stützen.
Ein Großteil der Aktien wurde vom Handel ausgesetzt. Die Regierung pumpte Milliarden in den Markt, verpflichtete Staatsunternehmen zu Stützungskäufen. Auch wurde ihnen vorerst verboten, eigene Aktien zu verkaufen. „Chinas Regierung hat 2015 den Aktienmarkt nur mit beträchtlicher Verzögerung durch drastische Regulierungseingriffe und staatlich koordinierte gewaltige Finanzspritzen stabilisieren können“, sagte Merics-Direktor Heilmann.
Abfluss von Kapital droht
Aber wie geht es im neuen Jahr weiter? Es droht ein Abfluss von Kapital, da sich institutionelle Investoren wegen der Zinserhöhung in den USA stärker auf den amerikanischen Finanzmärkten umschauen. Auch wächst die Skepsis vermögender Privatanleger in China gegenüber Wertpapieren. Beunruhigt über die Entwicklung im eigenen Land bringen viele ihr Geld ins Ausland und investieren verstärkt in Sachwerte - von Immobilien über Kunst und Oldtimer bis hin zu Weingütern.
„Solange unklar bleibt, wie gravierend die Risiken eines Rückschlages in der Industrie und im Finanzsystem tatsächlich sind, ist weiterhin mit heftigen Ausschlägen an Chinas Aktienmärkten zu rechnen“, analysiert Heilmann. Genauso sei fraglich, „ob die Regierung effektive Mittel hat, eine offene Investitions-, Schulden- und Beschäftigungskrise zu verhindern“.
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