Tiefer Riss zwischen den Regionalmächten am Golf
Dubai (APA/AFP) - Der neue Riss in den Beziehungen zwischen dem Iran und Saudi-Arabien verheißt nichts Gutes. Die Hinrichtung des schiitisch...
Dubai (APA/AFP) - Der neue Riss in den Beziehungen zwischen dem Iran und Saudi-Arabien verheißt nichts Gutes. Die Hinrichtung des schiitischen Geistlichen Scheich Nimr Baker al-Nimr durch Saudi-Arabien, die Angriffe auf die saudische Botschaft in Teheran, der Abbruch der diplomatischen Beziehungen durch Saudi-Arabien - dies sind nur einzelne Erscheinungsformen eines tiefsitzenden Konflikts, aus dem weit größeres Unheil erwachsen kann.
Die muslimische Welt werde zerrissen zwischen „Saudiarabern und Iranern, Persern und Arabern, Sunniten und Schiiten“, sagt François Heisbourg von der Stiftung für Strategische Forschung (FRS) in Paris.
Seit dem Amtsantritt des neuen saudi-arabischen Königs Salman im Jänner 2015 wirkt die Außenpolitik des Königreichs entschlossener. Saudi-Arabien steht seit März an der Spitze einer arabisch-sunnitischen Militärkoalition, die im benachbarten Jemen die schiitischen Houthi-Rebellen bekämpft. Diese wiederum werden vom schiitischen Teheran unterstützt - ein Stellvertreterkrieg der Regionalmächte.
Im Dezember organisierte Riad ein Treffen syrischer Oppositionsgruppen, die nach mehr als vier Jahren Bürgerkrieg einen Umsturz in Damaskus erreichen wollen. Der bei der Opposition verhasste syrische Präsident Bashar al-Assad wiederum wird von Teheran unterstützt - der zweite Stellvertreterkrieg der Regionalmächte.
„Der Iran hat in der Vergangenheit auf eine zögerliche Außen- und Innenpolitik Saudi-Arabiens gesetzt“, sagt der Nahost-Experte Mahjoob al-Zweiri von der Universität Katars. „Im Verlauf des vergangenen Jahres hat sich alles geändert, Riad nimmt nun gegenüber Teheran eine eher provokante Haltung ein.“ Für den FRS-Forscher Heisbourg ist es „klar“, dass die Saudiaraber „mit dem Feuer spielen“. In der Annahme, dass die Konfrontation mit dem Iran unausweichlich sei, hätten sie sich dafür entschieden, diese Konfrontation zu suchen, solange die USA noch in der Nähe seien, sagt Heisbourg unter Verweis auf das US-Militärengagement im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS).
Die Hinrichtung des schiitischen Geistlichen al-Nimr werde „zur Polarisierung zwischen Saudi-Arabien und dem Iran beitragen“, sagt die Nahost-Expertin Jane Kinninmont vom Institut Chatham House in London. Der Iran wolle sich als „Verteidiger der Interessen der Schiiten weltweit“ darstellen. Saudi-Arabien sehe in den gewalttätigen Protesten auf der anderen Seite des Golfs „eine offensichtliche Bestätigung“ für seine ohnehin bestehende Wahrnehmung, dass „der Iran sich in seine inneren Angelegenheiten einmischt“.
Die jüngsten Spannungen könnten Teheran dazu bewegen, seine Syrien-Politik enger mit Moskau abzustimmen, vermutete Zweiri. Dies würde die Lage in Syrien „noch komplizierter gestalten“. Eine weitere Möglichkeit, „Saudi-Arabien zu erschöpfen“, bestünde darin, den Konflikt im Jemen weiter zu schüren. Die seit Mitte Dezember geltende Waffenruhe im Jemen wurde einige Stunden nach den Hinrichtungen in Saudi-Arabien am Samstag für beendet erklärt - wegen anhaltender Rebellenangriffe auf saudiarabische Städte und Grenzposten.
Die traditionellen Konflikte zwischen Saudiarabern und Iranern, Sunniten und Schiiten seien für die „Hauptakteure“ in der Region weit wichtiger als der Kampf gegen den IS, befindet Heisbourg. Der Anti-IS-Kampf sei „ihre geringste Sorge“.
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