Vierschanzentournee

Wie aus erfolgreichen ÖSV-Adlern Nebendarsteller wurden

Heinz Kuttin erklärt, in einer „sehr schweren Zeit“ zu stecken. Der Skisprung-Cheftrainer will es mit einem positiven Blick nach vorne richten.
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Gregor Schlierenzauer fehlt beim Tournee-Abschluss. Mit einem positiven Ende wollen die österreichischen Skispringer negative Vorzeichen vergessen machen.

Aus Bischofshofen: Susann Frank

Bischofshofen – Seinen 45. Geburtstag hat sich Heinz Kuttin wohl anders vorgestellt. Doch vor der heutigen Qualifikation (17 Uhr/ORF eins) in Bischofs­hofen musste der Kärntner über Schadens­begrenzung in seinem Team und für einen Athleten nachdenken. So entschied Kutti­n, den formschwachen und ratlose­n zweifachen Tourneesieger Gregor Schlierenzauer für das Finale in Bischofs­hofen morgen nicht zu nominieren. Kuttin: „Wir wollen ihn nicht mehr quälen, denn es ist derzeit eine Qual für ihn.“ Ziel beim Tournee-Abschluss ist, so Kuttin, „noch um einen Tagessieg mitzuspringen und Michael Hayböck nach vorne zu bringen“. Hayböck liegt in der Gesamtwertung auf Rang vier, mit nicht einmal einem Meter Abstand zum Dritten Kenneth Gangnes (NOR). Ein Österreicher auf dem Stocker­l wird jedoch die Krisen­herde der rot-weiß-roten Ski­springer, die bei der Tournee zu Nebendarstellern wurden, kaum löschen können:

1.) Formkurve: Nur Michael Hayböck kam in dieser Saiso­n in Schwung. Stefan Kraft fliegt seinen Erfolgen vom Vorjahr mit dem Tourneesieg hinterher und dahinter klafft eine große Lücke. Von mannschaftlicher Geschlossenheit kann keine Rede sein. Die Österreicher liegen im Nationen­cup auf dem vierten Platz. Das gab es erst dreimal in der Weltcup-Geschichte. „Ich seh­e es nicht als Krise. Wir haben zwei regelmäßige Top-Ten-Springer“, sagte Kuttin. Seine Durchhalteparole lautet­e: „Wir bleiben positiv.“

2.) Krisenmanagement: Da ist den Österreichern wenig vorzuwerfen. Cheftrainer Heinz Kuttin stellt sich nach Niederlagen wie am Bergisel (und nichts anderes erlebten die Österreicher dort), steht Rede und Antwort.

3.) Tournee-Wirbel: Während einer Vierschanzentournee seine Form zu finden, ist unmöglich. Ein Termin jagt den anderen, ein Training den Probedurchgang. Und wenn eine Qualifikation aus­gelassen wird (was sich nur die Besten leisten können), dann dient das lediglich der Rehabilitation. Wer in Bischofs­hofen Wunderdinge erwartet, versteht nichts von diesem hochsensiblen Sport.

Gregor Schlierenzauer wollte ÖSV-Trainer Kuttin den Qualen der vergangenen Tage nicht mehr aussetzen. Er nahm den Tiroler aus dem Team.
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4.) Nachwuchs-Flaute: Wie schon im Alpin-Lager (Marcel Hirscher) machte sich hinter einer erfolgreichen Phalanx wenig breit, was die Hierarchie in Frage gestellt hätt­e. Zum 29. Platz gratuliert­e Kuttin Nachwuchsspringer Clemens Aigner. Mit 22 ist der Tiroler jedoch kein Jungtalent mehr. Vom weiteren Nachwuchs drängte sich keiner auf. Senkrechtstarter Thomas Diethart, Tourneesieger vor zwei Jahren, ist abgestürzt. Nur durch SchlierenzauersDilemma erhält der Wahl-Matreier jetzt wieder die Chance aufzuzeigen.

5.) Materialfrage: Anzugschneiderei, Schuh-Tüftelei – welche Rolle kommt der Athletik und dem Fliegen zu? Manuel Fettner entwickelt seinen Hartschalen-Schuh, Andreas Kofler sein Modell, das er nicht verwenden darf. Die Österreicher verlieren sich und finden sich auf hinteren Rängen wieder. Ein neuer Anzug für Michael Hayböck zum Tournee-Abschluss soll noch mal Auftrieb geben.

6.) Generationenwechsel: Die Superadler-Zeit wirft einen großen Schatten über das Team, aber noch lange über die Abgänge von Thomas Morgenstern und Co. zu lamentieren, greift fehl. Aber: Was ist los mit Diethart? Was treibt Andreas Kofler an (oder nicht)? Und welche Junge haben das Potenzial?

7.) Privatleben: „In dem Gespräch mit Gregor hat sich sehr vieles geöffnet von ihm, was in dem Raum bleiben wird, in dem wir gesprochen haben. Und ich habe gemerkt, es fällt ihm schwer, darüber zu sprechen“, sagte Kuttin. Mehr wollte der Cheftrainer nicht verraten. Klar ist, es spielt sich nicht immer alles so ab, wie sich das Sportler wünschen. Im Fall Gregor Schlierenzauers könnte deshalb auch die Trennung von Langzeitfreundin Sandra unmittelbar vor der Tournee die Situation beeinträchtigen.

Kolumne: Mut zum Absprung

Zeit, das System zu überdenken

Von Alexander Pointner

Für die Skispringer geht es nach Bischofshofen Schlag auf Schlag. Zunächst macht der Tross noch in Willingen, einem Höhepunkt für alle deutschen Fans, Station. Dann schlägt das österreichische Sportlerherz wieder höher: Bei der Skiflug-Weltmeisterschaft auf dem traditionsreichen Kulm werden Medaillen vergeben – zum einzigen Mal in dieser Saison.

Was kann man vom österreichischen Team erwarten? Hayböck springt auf konstant hohem Niveau, Kraft ist ein ausgezeichneter Flieger. Aber der Rest? Da macht sich Frustration und Verzweiflung breit. Gregor Schlierenzauer traue ich eine Trendwende jederzeit zu, aber dass es ein Nachwuchsproblem im Österreichsichen Skiverband gibt, zeichnete sich schon nach der Saison 2012/2013 ab. Außer Kraft konnte im B-Kader niemand überzeugende Ergebnisse erzielen. Damals wurde allerdings nur eine Trainerdiskussion um meine Person geführt. Niemand war bereit, das System zu überdenken.

Deutschland und Norwegen haben inzwischen das österreichische System erfolgreich kopiert. Bis jetzt hat der ÖSV in seiner Skisprungtradition aber stets eine Vorreiterrolle eingenommen. Wir waren mit unseren Trainingsstrukturen und Methoden den großen Nationen immer einen Schritt voraus. Nur darin lag die Chance, die Tatsache, dass es bei uns nun einmal weniger Skispringer gibt, zu kompensieren. Der ÖSV-Apparat ist derzeit aufgeblasener denn je. Überall werden Kompetenzen aufgeteilt, doch niemand scheint den Mut zu haben, einen Schnitt zu machen und etwas Neues zu versuchen.

Als wir 2006 nach einer erfolglosen Tournee in einer ähnlichen Situationen waren (auch da stand der Kulm vor der Tür), gab mir Toni Innauer den Mut und die Sicherheit, völlig neue Wege zu gehen. Er war schon in Innsbruck aus dem Hamsterrad des Sprungzirkus ausgestiegen und hatte sich mit Studien der Innsbrucker Uni beschäftigt. Diese bescheinigten uns enorme Sprungkraft, doch eine wenig effektive Flugkurve. So ging ich mit meinen Athleten als Vorbereitung auf das Skifliegen auf die 60-m-Schanze. Ein Wagnis, über das Experten von damals den Kopf schüttelten, das uns am Ende aber Silber und Bronze bescherte.

Alexander Pointner (44), erfolgreichster Skisprung-Trainer aller Zeiten, kommentiert für die TT das Schanzen-Geschehen.

www.alexanderpointner.at