Literatur

Dystopie in den Tiroler Alpen

Heinz Helle wurde 2013 beim Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb mit dem Ernst-Willner-Preis ausgezeichnet.
© Jürgen Bauer/Suhrkamp

Wenn die Schneekanonen schweigen: In Heinz Helles Roman „Eigentlich müssten wir tanzen“ bricht die Apokalypse über Tirol herein.

Innsbruck –Dass Heinz Helle für seinen Roman „Eigentlich müssten wir tanzen“ Tirol als Schauplatz wählt, ist wohl kein Zufall. Einmal mehr steht Tirol – das dürfte die Tirol Werbung freuen – symbolisch für das Naturparadies schlechthin. Allerdings bricht über die herrliche Tiroler Winteridylle im Roman eine verheerende Katastrophe herein.

Der Münchener Helle, Jg. 1978, beim Bachmann-Preis 2013 mit dem Ernst-Willner-Preis ausgezeichnet, führt in seinem zweiten Roman vor, was passiert, wenn über Nacht all das, was wir als zivilisatorische Errungenschaften kennen und schätzen, wertlos wird und es stattdessen wieder ums nackte Überleben in der feindlichen Natur geht.

Fünf Freunde verbringen ein Wochenende auf einer Hütte in den Tiroler Bergen – mit allem, was dazugehört: Brot, Bier, noch mehr Bier und gute Laune. Am Morgen jedoch ist es seltsam still, die Schneekanonen schweigen, es brennt im Tal. Sie steigen hinab, wollen das Ausmaß der Katastrophe begreifen, streifen durch das verheerte Land, auf der Suche nach Nahrung, nach einem warmen Schlafplatz, in der Hoffnung, an die Grenzen der Zerstörung zu gelangen. Doch das gelingt nicht, das Ende ist entsprechend düster.

Es ist ein interessantes Gedankenexperiment, durch das Helle seine fünf Freunde in den Tiroler Bergen schickt, das deutlich zeigt, wie überheblich und naiv wir im Grunde leben, wie verwundbar und ausgeliefert wir tatsächlich im „Ernstfall“ wären, wenn sich Smartphone, Geld, Autos, Hightech-Heizungsanlagen plötzlich als nutzlos erweisen und man sich über den Fund eines Fünfeuroscheins nur noch freut, weil das Papier ist, das brennt.

„Eigentlich müssten wir tanzen“ ist kein bequemes Buch, es hält unangenehme Wahrheiten bereit. Und trotzdem liest man es gern, weil es so spannend erzählt ist, dass man es kaum aus der Hand legen kann, und weil der Ton, den Helle findet, um über die größtmögliche Katastrophe zu schreiben, ganz und gar beeindruckend ist: Reduktion und Sachlichkeit statt Pathos dominieren die stark rhythmische, kurzatmige Prosa. „Eigentlich müssten wir tanzen“ ist eines der besten Bücher der Saison. (fg)

Roman Heinz Helle: Eigentlich müssten wir tanzen. Suhrkamp, 173 Seiten, 20.60 Euro.