Netanyahus „Darling“ jetzt im Chefsessel des Mossad

Jerusalem (APA/AFP) - Kaum eine Institution in der Welt ist so geheimnisumwittert wie der israelische Mossad. Bis zur Jahrtausendwende durft...

Jerusalem (APA/AFP) - Kaum eine Institution in der Welt ist so geheimnisumwittert wie der israelische Mossad. Bis zur Jahrtausendwende durfte noch nicht einmal bekannt werden, wer den israelischen Auslandsgeheimdienst leitet. Den neuen Direktor Jossi Cohen, der am Mittwoch sein Amt antrat, nominierte Regierungschef Benjamin Netanyahu dagegen theatralisch in einer Liveschaltung im israelischen Staatsfernsehen.

Der Ministerpräsident wollte deutlich machen: Dies ist mein Mann - und gemeinsam mit ihm sorge ich trotz schlimmster Bedrohungen für die Sicherheit Israels.

Die fachliche Befähigung Cohens für das neue Amt wurde in Politik und Medien einmütig hervorgehoben. Das Spionagehandwerk hat er von der Pike auf gelernt. Im Mossad war er 30 Jahre lang und stieg bis zum Vizechef auf, bevor ihn Netanyahu im August 2013 als Nationalen Sicherheitsberater an seine Seite holte. Doch weil der 54-Jährige sich dort zu einem der engsten Vertrauten des Ministerpräsidenten entwickelte, wurden auch Vorbehalte laut.

Israelische Geheimdienstchefs, egal ob für die Inlandsaufklärung, Auslandsoperationen oder den militärischen Abschirmdienst zuständig, zeichnen sich meist durch autonome Meinungsfreudigkeit aus. Zahlreich sind die Beispiele, in denen Direktoren des Mossad oder Shin Bet den Regierungen unter Verweis auf militärische Risiken oder Belastungen strategischer Außenbeziehungen von Aktionen abrieten. Viele israelische Kommentatoren appellierten deshalb nach seiner Nominierung zum Mossad-Chef im Dezember an Cohen, sich vom Ministerpräsidenten zu emanzipieren.

„Bibis Darling“, wie ihn die Zeitung „Haaretz“ unter Verwendung von Netanyahus Spitznamen nannte, wurde religiös erzogen. Der gebürtige Jerusalemer besuchte eine jüdische Talmudschule und diente als Kampfpilot. Während seines nachfolgenden Studiums in Großbritannien wurde Cohen 1983 vom Mossad angeworben. Schon zwei Jahre später besuchte er einen Elitekurs, bei dem das Rekrutieren und Führen von ausländischen Spionen unterrichtet wurde. Seine weiteren operativen Stationen sind geheim, nur dass sie in Europa lagen, ist bekannt.

Ab 2006 leitete Cohen im Mossad-Hauptquartier in Tel Aviv die Abteilung „Zomet“, welche Israels Spione weltweit anleitet. 2011 wurde Cohen dann zum Vizechef befördert. Der neue Mossad-Chef spricht außer Englisch und Französisch auch fließend Arabisch.

Cohens Frau Aja arbeitet als Chefschwester auf einer Krebsstation. Das Paar hat vier Kinder und eine Enkeltochter. Fit hält sich der Chefspion mit Laufen. Zum Schabbatende dreht er regelmäßig eine Zwölfkilometerrunde, gelegentlich tritt er zu Marathons an. Und weil selbst beim Mossad nicht mehr alles so geheim ist wie früher, sind sogar die Essensvorlieben des neuen Direktors bekannt: Osteuropäische jüdische Küche wie Gefilte Fisch oder ein Kugl-Auflauf.

Beruflich wird sich Cohen vor allem um die Beobachtung der iranischen Rüstungsaktivitäten und die Bedrohungen kümmern müssen, die von den Jihadisten in direkter Nachbarschaft Israels und des besetzen Golans und Westjordanlands ausgehen. Nach Einschätzung von Alon Ben David, angesehener Verteidigungsexperte beim israelischen Privatfernsehen, muss der neue Mossad-Chef einen radikalen Umbau der „Agentur“ stemmen. Denn das geografische Umfeld habe sich in der fünfjährigen Amtszeit seines Vorgängers radikal geändert.

Anders als seine Medienkollegen sieht Ben David in der Vertrautheit, die zwischen Cohen und Netanyahu wuchs, einen Vorteil. Wegen der starken Rückendeckung des Ministerpräsidenten werde die Bedeutung des Mossad innerhalb des israelischen Sicherheitsapparats nun deutlich wachsen.