Vettoris Tournee-Bilanz: „Wir waren auch schon schlechter“

Ernst Vettori (51), zweimal Gewinner der Vierschanzentournee, blickt in seiner Funktion als Sportlicher Leiter auf die vergangenen zehn Tage zurück.

Ernst Vettori, der nordische Sportdirektor beim ÖSV, blickt auf eine durchwachsene Tournee zurück.
© Gepa

Wie fällt Ihre Tournee-Bilanz aus?

Vettori: Weder himmelhochjauchzend noch zu Tode betrübt. Tatsache ist, dass unsere Serie nach sieben Jahren gerissen ist. Michi Hayböck ist Dritter und wenn man bei der Tournee am Stockerl steht, dann ist das ein Erfolg. Doch war es auch seit Langem die erste Tournee ohne Tagessieg. Aber wir waren auch schon schlechter. Peter Prevc und Severin Freund sind momentan eben überragend.

Die Zeiten der „Superadler“ sind auf alle Fälle vorbei ...

Vettori: Ich kann mit diesem Begriff nichts anfangen. Die Gegenwart ist da, es kommt die Zukunft. Alles, was war, ist Geschichte. Fakt ist: Wir haben derzeit ein gutes Team, das ebenso gut zusammenarbeitet. Und die ganz großen Siegesserien kann heute sowieso keine Nation mehr holen. Außer vielleicht im Damenrodeln – das meine ich nicht negativ.

War es richtig, Gregor Schlierenzauer bei der Tournee an den Start gehen zu lassen?

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Vettori: Gregor hat vor der Tournee gesagt, er fühle sich bereit. Also muss man ihm das Vertrauen geben. Allerdings hat sich gezeigt, dass je mehr er probiert, desto weniger funktioniert. Skispringen ist eine irrsinnig komplexe Sportart.

Das Interview führte Alexander Tagger (Kleine Zeitung)

Kolumne: Mut zum Absprung

Von Beginn an mit dem Rücken zur Wand

Von Alexander Pointner

Nun wurde also doch noch ein Minimalziel bei der Tournee erreicht: Michi Hayböck eroberte in Bischofshofen den dritten Gesamtrang und Stefan Kraft meldete sich mit einer starken Leistung zurück. Das freut mich für beide, auch wenn Peter Prevc alles überragt. Der ÖSV und die Medien werden nun beruhigt sein. Viel war in den letzten Tagen darüber zu hören, dass man dem Team um Heinz Kuttin die Zeit geben müsse, um eine neue Mannschaft zu formen. Ja, es wäre jungen Sportlern wirklich zu wünschen, dass sie sich langsam entwickeln dürfen. Vielleicht hat man aus den zehn Jahren, in denen ich Cheftrainer war, etwas gelernt. Denn wir standen von Beginn an mit dem Rücken zur Wand, sowohl ÖSV-intern als auch den Medien gegenüber. Ein Morgenstern (damals 19), ein Kofler (damals 21) bekamen nach den Rücktritten von Goldberger, Widhölzl und Höllwarth keine Zeit, um sich zu entwickeln. Schlierenzauer stand bereits in seiner zweiten Weltcupsaison mit 17 Jahren unter Druck. Mannschafts-Goldmedaillen waren zu wenig, man wollte Einzelsiege in Serie sehen.

Es blieb all die Jahre ein Grenzgang zwischen Erfolg und Depression. Kaum hatten sich Siege eingestellt, da zählte schon ein zweiter Platz nicht mehr.

Junge Sportler und neubestellte Trainer sollen sich langsamer entwickeln dürfen und absoluter Erfolg ist nicht ewig wiederholbar. Ich bin gespannt, wie lange man beim ÖSV diese Linie durchhalten wird. Hoffentlich ist es kein reiner Zweckoptimismus. Denn eine Trainerdiskussion um Kuttin würde jetzt nichts bringen. Er ist genauso wenig allein für Erfolg oder Misserfolg verantwortlich, wie ich es damals war. Nach wie vor spielen Einzelinteressen, die sich gegenseitig nicht unbedingt fördern, eine große Rolle. Manager wollen endlich richtig gut verdienen oder haben umgekehrt Angst, plötzlich mit leeren Händen dazustehen. Trainer, die sich bisher gut hinter den Erfolgen des Nationalteams verstecken konnten, müssen nun selbst zu ihrer Verantwortung stehen. Der ÖSV will, nachdem er für meinen unrühmlichen Abschied kritisiert wurde, natürlich das Gesicht wahren und zeigen, dass es auch ohne den Pointner geht. Das tut es mit Sicherheit, wenn die richtigen Schritte gesetzt werden.

Alexander Pointner (44), erfolgreichster Skisprung-Trainer aller Zeiten, kommentiert für die TT das Schanzen-Geschehen.

www.alexanderpointner.at


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