Frauenpower in der Welt der Karikatur
Marie Marcks und Barbara Yelin – zwei sehr unterschiedliche zeichnerische Erzählstile werden derzeit im Karikaturmuseum Krems zelebriert.
Von Ursula Philadelphy
Krems –Mit 17 Jahren notierte Marie Marcks in ihr Tagebuch: „Ich wünsche mir so irrsinnig, dass ich glücklich werde – und dass ich auch merke, wenn ich’s bin!“ Genau diese analytische Thematisierung eines Aspektes, eines Gefühles, einer Idee, ist so typisch für die Meisterin der Karikatur. Marcks hat die Ausstellung noch mitkonzipiert, ehe sie im Dezember 2014 im Alter von 92 Jahren starb. Als Chronistin ihrer Zeit, aber auch als Wegbereiterin für viele Zeichnerinnen der jüngeren Generation hatte Marcks stets ein breites Themenspektrum, mit dem sie sich radikal auseinandersetzte. Mit Tusche und Feder nahm sie die Nachkriegszeit ebenso aufs Korn wie die Rüstungspolitik, den Umweltschutz, den Feminismus, die Atompolitik oder die Menschenrechte.
Radikal hieß bei ihr aber nicht, dass sie mit derber Direktheit arbeitete. Sie brachte vielmehr mit subtilem Humor ihre Kritik zu Papier und sensibilisierte die Betrachter. Niemand blieb ungeschoren. Die RAF nahm sie etwa 1975 aufs Korn und verpackte alles in ein Bild, das an den Hühnerklau bei Max und Moritz erinnert. Deutsche Touristen in Italien füllen ein großes Blatt dicht an dicht und dafür ist der Atomforscher mit einer Pusteblume dargestellt. Marcks arbeitete ganz intensiv und mit glasklarem Blick. Zu Beginn zeichnete sie Film- und Jazz-Plakate, später Kalender, dann kamen die Cartoons zum Thema Stadt- und Wohnraum, zu politischen Themen und schließlich auch gesellschaftspolitischen Fragen.
Mit ihrer gezeichneten Autobiografie „Marie, es brennt!“ war Marcks wohl Vorreiterin der Graphic Novel. Sie hatte immer die Nase vorne, war als alleinerziehende Mutter von fünf Kindern und freischaffende Künstlerin eine Kämpfernatur. „Die antiautoritäre Erziehung hatte sich damals noch nicht als trügerisch erwiesen“, meinte bei der Vernissage eine Tochter von Marcks, und so wuchsen die fünf sehr frei auf, sind auch alle im künstlerischen Bereich tätig, „aber keines der Kinder hat das Genie der Mutter“. Und allen war gemeinsam, dass sie es hassten, wenn ihre familiären Erlebnisse postwendend Eingang fanden in aktuelle Zeichnungen.
Anfang der 1960er-Jahre begann Marcks, politische Karikaturen zu veröffentlichen und wurde rasch zur gefragtesten Karikaturistin Deutschlands, publizierte in der Süddeutschen Zeitung, im Stern, aber auch im Spiegel und in den Satirezeitschriften Titanic und pardon. Detailreichtum und Wortwitz in Sprechblasen subsumiert sind die Charakteristika ihrer pointierten Blätter, mit denen sie bis zuletzt Position zu politischen Fragen bezog.
Die jüngere Generation ist in Krems durch Barbara Yelin vertreten, die auch für zwei Monate Artist in Residence ist. Sie gilt als Star der Graphic-Novel-Szene und hat unter anderem die Originalblätter ihres Comic-Romans „Irmina“ mitgebracht.
„Irmina“ entstand, nachdem Yelin einen Karton mit Tagebuchaufzeichnungen ihrer Großmutter geerbt hatte. Daraus entwickelte sie dann, nach eingehenden Recherchen, einen Comic-Roman der in den 1930er-Jahren in England und Deutschland spielt und „einen sehr widersprüchlichen, gebrochenen Lebenslauf“ zum Thema hat.
Yelin bewunderte Marcks und so sehr es auch Gemeinsamkeiten in den Arbeiten der beiden gibt, so unterschiedlich sind die Erzählstile doch letztlich. Barbara Yelin fungiert als Geschichtenerzählerin, die den kulturellen Austausch zwischen ganz unterschiedlichen Kulturkreisen forcieren will. Dazu begibt sie sich auf Reisen, zeichnet direkt auf der Straße, in Kairo, auf Bali, in New Delhi, Tel Aviv oder Prishtina. Sie spricht mit den Menschen, denn „an jeder Straßenecke sind Geschichten zu finden“, und verpackt das Gehörte und Gesehene in atmosphärisch dichte und sehr witzige Blätter, die manchmal auch von winzigen Details leben. Vor einer Moschee abgestellte Schuhe erzählen bei Yelin einen ganzen Roman mit ein paar Strichen.
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