Gleißend weißes Puppenheim: „Nora“ am Stadttheater Klagenfurt
Klagenfurt (APA) - Das Puppenheim ist ein gleißend weißer, schwebender, etwas schräg gestellter Würfel, in dessen engen Innenraum zwei große...
Klagenfurt (APA) - Das Puppenheim ist ein gleißend weißer, schwebender, etwas schräg gestellter Würfel, in dessen engen Innenraum zwei große Türen führen. Raimund Voigts Bühne bietet beste Voraussetzungen für eine ungewöhnliche Aufführung des Ibsen-Klassikers „Nora“. Mateja Kolezniks Inszenierung, die gestern, Donnerstag, am Stadttheater Klagenfurt Premiere hatte, hätte aus dieser Vorgabe noch mehr rausholen können.
Ibsens 1879 uraufgeführtes Emanzipationsdrama um das Ehepaar Nora und Torvald Helmer hält sich ungebrochen auf den Spielplänen. Zu Recht, obwohl man sich immer mehr einfallen lassen muss, um vom unerträglich patriarchalischen Gestus des angehenden Bankdirektors gegenüber seinem vermeintlich nur das Geldausgeben und das Vergnügen im Sinn habenden Weibchen, das ihm in Wahrheit aufopferungsvoll das Leben gerettet hat, auf Allgemeingültiges überzulenken.
Die slowenische Regisseurin Mateja Koleznik, die 2013 für Ibsens „John Gabriel Borkman“ in Maribor ausgezeichnet wurde und im Vorjahr am Residenztheater München einen viel beachteten „König Ödipus“ erarbeitet hat, fokussiert das Stück und macht die Spielräume eng. So aseptisch rein muss das Heim dieser seit acht Jahren währenden Ehe sein, dass alles Bunte, Lebendige wie ein Fremdkörper wirkt. Pralinenschächtelchen werden rasch in geheimen Wand-Fächern versteckt, Menschen, Dinge und Verantwortungen durch die beiden übergroßen Türen geschoben, die meist mehr verdecken als Einsichten zu eröffnen.
Eine im wörtlichen Sinne knisternde Atmosphäre und sparsame musikalische Verfremdungen sowie ein kurzer, einsamer Moment, in dem die ständig als „Singvögelchen“ oder „Lerche“ titulierte junge Frau Raubtierlaute ausprobiert, sind Kolezniks einzige Überhöhungs-Versuche dieses Paarlaufs, der immer mehr zur Konfrontation wird. Die beiden Nestroy-Preisträger Till Firit, langjährige Ensemblestütze am Wiener Volkstheater, und Raphaela Möst, bis 2014 am Theater in der Josefstadt, sind das Ehepaar Helmer, das sich im Zusammenleben Rollen zurechtgelegt hat, die für Außenstehende grotesk wirken.
Mösts Nora fügt sich mit sichtbarer Überwindung in den ihr von ihrem Mann zugedachten Part des verschwenderischen Frauchens, das wie ein Haustier gehalten wird und mehr zur Beschmückung des Heims als zum Teilen des gemeinsamen Lebens dienen soll. Die als Qual empfundenen Stöckelschuhe werden bei jeder Gelegenheit genüsslich abgestreift, von den sinnbildlichen Fesseln ist schwerer loszukommen - immer wieder losperlendes nervöses Lachen und eine sichtbare Unruhe und Sprunghaftigkeit machen dies deutlich.
Firit schlägt als Torvald von Beginn an einen schulmeisterlichen, gönnerhaften, selbstgerechten Ton im Umgang mit seiner Frau an, der einem den Atem verschlägt. Dass er sich, als im Finale zunächst das vermeintliche Verderben, dann die Rettung deutlich wird, als latent gewalttätiger Egomane entpuppt, ist absehbar.
Koleznik trägt gegen Ende dieser fast zweistündigen Aufführung (die in den Folgevorstellungen jeweils mit einer Pause gespielt wird) ziemlich dick auf: Als erotisierende Cheerleaderin macht sich das „Eichhörnchen“ für den Gatten zum Affen, dieser wird zum bösen, unbeholfenen Clown, dem man das Zeug zum Bankdirektor nicht ansieht. Nora findet nach der in höchster Not gewonnenen Erkenntnis über die wahre Natur ihrer Beziehung leider zu keiner kühlen Klarheit, sondern bloß zu einem weinerlichen, hysterischen Ton der Fassungslosigkeit. Dass ihr kein echter Abgang gegönnt wird, sondern sie vor dem finalen Black zögernd zwischen den Türen stehen bleibt, ist da nur konsequent.
Die Intensität der beiden Hauptfiguren bleibt das restliche Ensemble leider schuldig: Sebastian Edtbauer ist als erpresserischer Krogstad mehr blässlich als gefährlich, Michael Schönborns Versuch, den vom Tod gezeichneten Hausfreund Doktor Rank im Zwiespalt zwischen Eros und Thanatos tragische Größe zu verleihen, misslingt. Lediglich Anna Unterberger als graue Maus Frau Linde schlägt sich wacker. Insgesamt ist diese Klagenfurter „Nora“ zwar kein großer, aber doch ein beachtlicher und freundlich akklamierter Abend geworden. Emanzipation ist ein hartes Stück Arbeit. Das bleibt wohl auch 2016 so.
(S E R V I C E - „Nora oder Ein Puppenheim“ von Henrik Ibsen, Regie: Mateja Koleznik, Bühne: Raimund Voigt, Kostüme: Axel Aust, Musik: Mitja Vrhovnik-Smrekar, Choreographie: Magdalena Reiter, Stadtheater Klagenfurt. Nächste Aufführungen: 9., 12., 14., 16., 21., 22., 27.1., Karten: 0463 / 54 0 64, www.stadtheater-klagenfurt.at)
(B I L D A V I S O – Pressebilder stehen im Pressebereich von http://www.stadttheater-klagenfurt.at zum Download bereit.)
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