Theater mit Migrationshintergrund: Premiere für „Familie Tot“ in Wien
Wien (APA) - „Migrationshintergrund am Arsch“: Der Titel des Kulturvereins von Claudia Kottal und Anna Kramer bleibt hängen. Die beiden Scha...
Wien (APA) - „Migrationshintergrund am Arsch“: Der Titel des Kulturvereins von Claudia Kottal und Anna Kramer bleibt hängen. Die beiden Schauspielerinnen wollen damit hierzulande unbekannte Stücke aus dem Balkanraum nach Österreich bringen. Den Auftakt macht am 14. Jänner „Familie Tot“ des ungarischen Dramatikers Istvan Örkeny im Wiener OFF Theater. „Es geht primär um Macht und Machtverhältnisse“, so Kottal.
Die Idee zum Verein MAA, der im Sommer des Vorjahrs gegründet wurde, hatte man schon Ende 2014. „Da haben wir endgültig den Entschluss gefasst“, erinnerte sich Kottal im Gespräch mit der APA. Darüber nachgedacht habe sie bereits gegen Ende ihrer Schauspielausbildung. „Weil ich eben zweisprachig aufgewachsen bin, zu der Zeit viel in Polen war und dort viel Theater gesehen habe. Es gibt viele Stücke, die im Balkan herumgereicht werden und sich dort gegenseitig befruchten, aber nie in den deutschsprachigen Raum kommen.“
Was den Migrationshintergrund betrifft, so ist dieser für das Team des Vereins quasi Programm - ist es bei der gebürtigen Wienerin Kottal Polen, so hat Kramer ungarische Wurzeln. Wobei sich beide Schauspielerinnen über die oft problematische Verwendung des Begriffs mehr als bewusst sind. „Der ist schon so abgelutscht und albern, weil man nicht weiß, wo Migrationshintergrund beginnt“, meinte Kottal. „Wenn ich Steirer bin, koche ich für meine Freunde etwas Steirisches, das ist dann ja auch ein Migrationshintergrund. Deswegen dieses ‚am Arsch‘, mit Augenzwinkern.“
Dass der Start ihrer Tätigkeit mit der derzeitigen Flüchtlingswelle zusammentrifft, sei reiner Zufall. „Generell wollen wir aber Theater machen, das eine aktuelle Anbindung hat“, unterstrich Kottal. „Und unser Stück hat jetzt natürlich einen starken Ungarnbezug.“ Ähnlich formulierte es Kramer: „Ich glaube, dass diese Flüchtlingswelle an niemandem vorbeigegangen ist. Als Mensch berührt es mich natürlich. Inwieweit das in unsere Arbeit in diesem Stück einfließt? Natürlich könnte man sagen: Viktor Orban baut Zäune. Wir haben auch mit Flüchtlingen gesprochen, die durch Ungarn gereist sind und uns erzählt haben, was sie dort erlebt haben. Das arbeitet ganz klar in uns.“
Die Vorbereitungszeit zu „Familie Tot“, das in einer Übersetzung von Barbara Frischmuth zu sehen ist, habe aber schon viel früher angesetzt. „Wir haben bei den Recherchen dann entdeckt, dass es noch nie in Österreich gespielt wurde. Dass man es hier verpasst hat, war letztlich ein Glück für uns“, schmunzelte Kottal über das in den 60ern entstandene Werk. „Es ist natürlich attraktiver, eine österreichische Erstaufführung zu machen.“ Bei der Annäherung habe nicht zuletzt auch die in Ungarn sehr bekannte Verfilmung von Zoltan Fabri eine Rolle gespielt. „Aber natürlich muss man es adaptieren, die Ideen aus dem Kopf raus auf die Bühne bringen. Vergrößern, verkleinern und schauen, welche anderen Bausteine wir unterbringen wollen“, erläuterte Kramer.
Früh sei die Entscheidung gefallen, alle Rollen von Frauen darstellen zu lassen. „Das Patriarchat ist sehr dominant in diesem Stück“, sagte Kottal. „Dieses männliche Verhalten tritt ja noch mal stärker hervor, wenn es von einer Frau getan wird.“ So wird die Geschichte der Familie Tot, die einen Major bei sich aufnimmt, um dadurch den geliebten Sohn an der Front vor einem schlimmen Schicksal zu bewahren, nochmals aus einer leicht anderen Perspektive beleuchtet. „Und die Frage ist natürlich auch, wie wir die Gesellschaftskritik von damals auf heute adaptieren.“
Wobei die zentralen Themen für Kramer von zeitloser Gültigkeit sind. „Wenn ein Mensch Macht hat, wie geht er dann damit um? Und wie gehen die anderen um ihn herum damit um? Die Familie ist in dieser Situation ausgeliefert und der Sohn ist das Druckmittel. Wie weit kann man aber einen Menschen treiben, aus der Macht heraus? Und wie weit kann der gehen?“ Einen anderen Aspekt hob wiederum Kottal hervor: „Inwieweit geht es um die Ausnützung der Macht von jenem, der über diese verfügt? Und inwieweit ist es das Hirngespinst derer, die das glauben? Alle spielen mit, dass es so ist und lassen es über sich ergehen.“
(Das Gespräch führte Christoph Griessner/APA)
(S E R V I C E - „Familie Tot“ von Istvan Örkeny in einer Übersetzung von Barbara Frischmuth, eine Produktion des Kulturvereins „Migrationshintergrund am Arsch“ (MAA). Konzept/Regie/Musik: Imre Bozoki Lichtenberger, Bühne/Kostüme: Bianca Fladerer, Dramaturgie: Luca Palyi und Tanja Witzmann, Mit: Suse Lichtenberger, Claudia Kottal, Constanze Passin, Anna Kramer, Julia Schranz und Rina Kacinari. Premiere am 14. Jänner im OFF Theater, Kirchengasse 41, 1070 Wien. Weitere Vorstellungen am 15., 23., 26., 27., 30. und 31. Jänner, jeweils um 19.30 Uhr. www.maa.co.at)
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