Automesse im Zeichen von Billigsprit und Vernetzung
Die Detroiter Automesse wird überschattet vom VW-Abgas-Skandal. Wegen niedriger Ölpreise boomt die Nachfrage nach Spritschluckern.
Detroit –Morgen beginnt mit der klassischen North American International Auto Show in Detroit die erste große internationale Automesse des Jahres. Die Messe ist ein Gradmesser dafür, in welche Richtung sich die Automobilbranche im Jahr 2016 entwickeln wird. Zwei Themen dürften das diesjährige Treffen der Autobranche in Detroit dominieren: der Volkswagen-Skandal, der die Branche seit Monaten in Atem hält, und die niedrigen Ölpreise, die in den USA die Nachfrage nach schwergewichtigen Spritschluckern weiter boomen lassen und den Herstellern 2015 ein Rekordergebnis bescherten.
Der VW-Abgas-Skandal wird für reichlich Gesprächsstoff sorgen, wenn die Messe morgen ihre Türen öffnet. VW ist in der Affäre nach einer Klage der US-Regierung weiter unter Druck geraten, deshalb dürfte sich Konzernchef Matthias Müller bei seinem ersten öffentlichen Auftritt in den USA mit vielen unangenehmen Fragen konfrontiert sehen.
Abseits des VW-Skandals hat sich ein großer Trend bei der soeben zu Ende gegangenen Elektronikmesse CES in Las Vegas abgezeichnet: Elektromobilität und das vernetzte Auto. So will Microsoft mit einer Reihe von Partnern künftig eine wichtige Rolle bei der Gestaltung des vernetzten Autos spielen. Gemeinsam mit der VW-Tochter IAV zeigte der Softwarehersteller auf der CES, wie sich Anwendungen aus Windows 10 über das Smartphone direkt über das Display eines Fahrzeugs nutzen lassen.
Indes stellte Volkswagen auf der CES das Elektromobil BUDD-e vor, dessen Design als eine stark modernisierte Version beliebter alter Wagen wie des T1 aus den 50er-Jahren daherkommen soll. Der Prototyp sei fest im Internet der Dinge verankert, betonte VW-Markenchef Herbert Diess bei der Präsentation. So könne man aus dem Cockpit in den Kühlschrank schauen oder sehen, wer zu Hause an der Tür klingelt. Auf Sprachbefehl könne der BUDD-e zum Beispiel die Beifahrertür aufmachen. Post-Pakete könnten von dem Boten in einem speziellen Fach unter dem Kofferraum abgelegt werden. Die Akkus sollen 375 Kilometer halten. Ein solches Auto könnte zum Ende des Jahrzehnts auf die Straße kommen, sagte Diess. Ein Erfolg bei alternativen Antrieben könnte VW auch helfen, den Abgas-Skandal hinter sich zu lassen. Auch andere Automobilhersteller haben ihre Ideen dazu auf der CES präsentiert.
Die Studie „Global Automotive Executive“ des Wirtschaftsprüfungsunternehmens KPMG bestätigt diese Entwicklung: „Vernetzung und Digitalisierung sind die bedeutendsten Trends für die kommenden zehn Jahre.“ KPMG habe 800 Vorstände der Automobilindustrie aus 38 Ländern zur Entwicklung der Branche befragt. Es seien auch die Einschätzungen von 2100 Kunden erhoben worden. So rechnen 82 Prozent der befragten Vorstände damit, dass es in den nächsten fünf Jahren zu maßgeblichen Veränderungen ihrer Geschäftsmodelle kommen werde. Dieser Wandel betreffe die gesamte Wertschöpfungskette – von Entwicklungszyklen über Produkte, Dienstleistungen und Technologien bis hin zu Kundenbeziehungen und völlig neuen Vertriebsstrukturen, heißt es. Die Studie zeige auch, dass der Einsatz von Daten sowie Informations- und Kommunikationstechnik in der Automobilbranche noch in den Kinderschuhen stecke – wie es etwa 70 Prozent der Führungskräfte bestätigen würden.
Von einigen werden die Daten bisher überhaupt nicht genutzt, schreibt KPMG. Dabei liege genau hier, beim Einsatz gesammelter Informationen von Fahrer und Fahrzeug, der Wegbereiter für maßgeschneiderte Kundenerlebnisse und somit der entscheidende Wettbewerbsvorteil, betonen die Wirtschaftsprüfer. Auf der anderen Seite seien sich die Kunden darüber im Klaren, dass ihre Daten für die Automobilbranche einen hohen Stellenwert einnehmen würden. 82 Prozent hätten angegeben, sich im Gegenzug dafür monetäre Zuwendungen zu wünschen, gefolgt von Bonusprogrammen (75 Prozent) und personalisierten Dienstleistungen (70 Prozent). Obwohl immer mehr Technologieunternehmen sich für die Automobilbranche interessieren, rechne mehr als ein Drittel der befragten Vorstände dennoch damit, dass traditionelle Automobilkonzerne auch in den nächsten fünf Jahren zu den bahnbrechenden Innovatoren der Branche zählen werden. 30 Prozent der Befragten sähen die Technologieunternehmen als bedeutende Akteure, wobei hier in erster Linie Google und Apple genannt wurden.
Die North American International Auto Show in Detroit ist die erste große Automesse des Jahres und der wichtigste Branchentreff auf dem Kontinent. Zum 28. Mal öffnet die Veranstaltung morgen ihre Pforten, zunächst nur für die Presse und Händler, ab 16. Jänner dann auch für Privatbesucher.
Die Veranstalter erwarten mehr als 800.000 Besucher und versprechen über 40 Welt- und Nordamerika-Premieren. Die Kauflaune der Amerikaner auf Autos ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen, 2015 konnte die Branche einen Absatzrekord aufstellen. Niedrige Kreditzinsen und günstige Spritpreise fachten die Nachfrage zuletzt weiter an – vor allem nach Pick-up-Trucks und SUV. (APA, dpa, Reuters, TT)
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