Geringe Inflation brachte deutlichen Anstieg der deutschen Reallöhne
Düsseldorf (APA/dpa/Reuters) - Deutschlands Arbeitnehmer hatten 2015 dank einer gesunden Konjunktur und der sehr geringen Inflationsrate deu...
Düsseldorf (APA/dpa/Reuters) - Deutschlands Arbeitnehmer hatten 2015 dank einer gesunden Konjunktur und der sehr geringen Inflationsrate deutlich mehr Lohn in der Tasche. Die Tariflöhne und -gehälter wuchsen im vergangenen Jahr nominal um 2,7 Prozent und nach Abzug der Inflationsrate von 0,3 Prozent real um 2,4 Prozent, teilte die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung am Freitag mit.
„Das ist der höchste Wert seit dem Jahr 2000, ab dem uns Daten vorliegen“, sagte der Chef des Tarifarchiv des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) Hans-Böckler-Stiftung WSI-Tarifarchivs, Reinhard Bispinck.
Für die Tarifrunde 2016 rechnet der Experte wegen der anziehenden Inflation mit einem geringeren Plus: „Das wird niedriger ausfallen.“ Im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt dürfte ein Tarifanstieg um 3 Prozent „eine ernstzunehmende Zielmarke sein“, betonte Bispinck mit Blick auf die Forderungen der Gewerkschaften. Das von vielen Ökonomen für 2016 erwartete Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent sei nur zu erreichen, „wenn es auch gelingt, die Lohnentwicklung zu verstetigen.“ Dank der Rekordbeschäftigung und der niedrigen Inflation kurbeln derzeit vor allem die Verbraucher mit ihren Ausgaben das Wachstum an. „Um den überwiegend von der Binnennachfrage getragenen Aufschwung zu stabilisieren, kommt es auf eine kräftige Lohnentwicklung an.“
Mit 3,5 Prozent fiel der Tarifzuwachs 2015 im Investitionsgütergewerbe (Anlagen- und Maschinenbau) besonders hoch aus. Betriebe des Nahrungs- und Genussmittelgewerbes lagen mit einem Plus von 2,7 Prozent genau im Schnitt der Gesamtwirtschaft. Die Energiewirtschaft, die nach vielen sehr guten Jahren aktuell mit der Energiewende zu kämpfen hat, verzeichnete dagegen einen unterdurchschnittlichen Zuwachs von 2,4 Prozent. Am Ende der Liste steht der Handel mit nur 1,7 Prozent Zuwachs.
Die Tarifrunde 2016 hat bereits begonnen: Verhandelt wird schon in der Holz und Kunststoff verarbeitenden Industrie, Ende Jänner folgt die Deutsche Telekom, Ende Februar der öffentliche Dienst (Bund, Gemeinden), Ende März die Metall- und Elektroindustrie und im Sommer dann unter anderem die Chemie-Industrie. Beim öffentlichen Dienst erwartet Bispinck schwierige Verhandlungen, da die Arbeitgeber wegen der Zusatzkosten für Flüchtlinge wenig Verteilungsspielraum sehen dürften.
Nach dem Herbstgutachten der deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute soll der Verdienst je Arbeitnehmer 2016 im Jahresdurchschnitt um 2,5 Prozent zunehmen. Das läge deutlich über dem prognostizierten Anstieg der Verbraucherpreise von 1,1 Prozent. Damit ist auch 2016 für viele Branchen ein deutlicher Reallohnzuwachs zu erwarten.
Allerdings gibt es auch neue Belastungen. So haben vielen gesetzliche Krankenkassen zum Jahresbeginn ihre einkommensabhängigen Zusatzbeiträge teils kräftig erhöht. Zugleich wurden Beitragsbemessungsgrenzen in der Sozialversicherung angehoben, was gut und sehr gut verdienende Arbeitnehmer trifft.
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