Der Irrsinn hat einen Namen

Vor hundert Jahren entstand in Zürich eine Bewegung, die die Kunstwelt radikal beeinflusst hat: Die Geburtsstunde von „Dada“ wird 2016 groß gefeiert.

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Geburtsort der Dada-Bewegung: Das Züricher Cabaret Voltaire hat „165 Feiertage“ ausgerufen.
© Zürich Tourism

Innsbruck –Ein bisschen „Dada“ war bekanntlich auch Tirol: Über die Aufenthalte und Aktivitäten der Herren Arp, Ernst und Tzara im heiligen (Ober-)land, vornehmlich in Tarrenz, promovierte einst niemand Geringerer als Raoul Schrott – und schaufelte damit ein verschüttgegangenes Stück heimischer Literatur- und Kunstgeschichte frei. Die Tiroler Dada-Jahre, die unter anderem das Manifest „Dada au grand air/Der Sängerkrieg in Tirol“ hervorgebracht haben, sind 1921 und 1922. Anlass für Feierlichkeiten sind 2016 allerdings die Anfänge der Bewegung – und die sind in Zürich zu verorten: Am 5. Februar 1916 eröffnen Hugo Ball und Emmy Hennings im Herzen der Züricher Altstadt das Cabaret Voltaire, es wird schnell zur Plattform für ebenso unterschiedliche wie ungewöhnliche künstlerische Ausdrucksformen, die neutrale Schweiz ist auch ein Sammelbecken für all jene, die auf das Blut und den menschenverachtenden Irrsinn, der sich zu dieser Zeit gerade über die Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs ergießt, mit radikalem Unsinn und Nihilismus antworten.

Und diese Revolte des Sinnlosen hat viele Gesichter: wilde Masken-Tänze, Kabarett, Kostümbälle, musikalische Darbietungen, Kongresse, die Simultan- und Lautgedichte von Hugo Ball und Tristan Tzara, die Collagen eines Max Ernst, Zeitschriften, Flugblätter, eine Pissoirschüssel namens „Fontaine“ von Marcel Duchamp – kurz: ein großes anarchisches „Chaos, aus dem sich tausend Ordnungen erheben, die sich wieder zum Chaos Dada verschlingen“, wie es ein weiterer Ur-Dadaist, Richard Huelsenbeck, niederschreibt.

Auch von den vorhergegangenen Idealen der Kunst will man nichts mehr wissen, erst recht nicht vom Expressonismus. Stattdessen erhebt man die Fragen, was Dada ist und was Dada heißt, auch gleich zum Programm: „Was ist Dada? Eine Kunst? Eine Philosophie? Eine Feuerversicherung? Oder: Staatsreligion? Ist Dada wirkliche Energie? Oder ist es gar nichts, d. h. alles?“ steht 1920 in der Berliner Zeitschrift Der Dada.

Weitere Antworten könnten dieses Jahr in Zürich gefunden werden, wo 100 Jahre Dada mit einer Reihe von Aktivitäten gefeiert werden, darunter natürlich auch große Ausstellungen: Das Kunsthaus Zürich verwirklicht ab 5. Februar den einst von Tristan Tzara geplanten „Dadaglobe“ mit Werken von Dadaisten wie Hans Arp, André Breton, Max Ernst, Hannah Höch und Sophie Taeuber-Arp, die Schau wandert im Juni weiter ins Museum of Modern Art in New York. Die „globale und universale Ausstrahlung der Bewegung“ will indes das Landesmuseum Zürich beleuchten und im Cabaret Voltaire stehen 165 Feiertage zu 165 führenden Dadaisten an. Und auch die Manifesta, europäische Wanderbiennale für zeitgenössische Kunst, die just 2016 in Zürich stattfindet, wird an Dada nicht vorbeikommen. (jel)


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